Rezession:
in Zeiten schrumpfender Etats und wachsender Armut beschäftigt sich der Architekt
und Künstler traditionellerweise mit der Vision und der
Utopie. Die heisst heute Heterotopie (Focault) und kann angesichts
des Misstrauens in das Subjekt keine abgeschlossene oder rein
formale Antwort bieten. Eher: das Umwerten der Werte, das Einzeichnen
in vorhandene Strukturen. Die Suche eines Raums im Profanem.
Orten.
Angelegt auf einen Zeitraum von 10
Jahren erarbeitet und diskutiert eine offene Gruppe von 10-12
Aktiven (aus Berlin, Haan, Hamburg, Marburg und Nürnberg;
Richtungen: Medizin, Pädagogik, Architektur,
Kunst) neue und persönliche Formen des Zusammenlebens
und -arbeitens. Ziel: die Umsetzung eines lebendigen Prozesses
in die Realität. Heterogenität der Teilnehmer (die
Umstände sind individuell, anthroposophisch oder wurzeln
in der FrauenLesben Politik) und biographische Ortsungebundenheit
sind kennzeichnend. Themen sind das potentielle Programm: Therapeutikum,
selbstorganisierte Kita, Cafe, Projektgemeinschaft, Ateliers,
Wohnformen; Politische Konzeption: Bewertung von Arbeit, Verbindlichkeit
der Lebensform, Finanzen, Punktesystem. Und: künftige
Projekte. Durch regelmässige Treffen und Rundbriefe bleibt
der Kontakt auch über grössere Entfernungen konstant.
Protokolle fassen Ergebnisse zusammen.
Idee
der Arbeit ist es, aus der Flüchtigkeit sozialer Aktivität
einen Raum zu entwickeln. Besser: den Raum aufzuzeigen, der durch
die Präsenz der Teilnahme selbst aufgespannt wird. Big Bang.
Seine Form generiert sich durch die Vektoren der Bewegung (Kwinter)
und der Energie, dem Engagement der Gruppe - Eine Zeitgestalt,
die sich permanent ändert und doch: gibt es ein Innen, eine
Begrenzung, den Schutz und die Identität eines gemeinsamen
Raumes. Stürzt er eines Tages in einer Implosion in sich
zusammen ist die Summe der Kräfte Null.
(Heutige
Stadtstrukturen basieren zunehmend auf der Dimension der Zeit
und sind immer weniger Ausdruck einer räumlichen,
ganzheitlichen Beziehung. Mobilität fragmentiert und
entwertet. Die Stadt wird zur persönlich zusammengesetzten
Collage des Einzelnen.) Der entropische Raum ist urban. Individuelle
Stadtfragmente sind zu einem neuen kollektiven Ort zusammengeführt.
Werdende Ordnung. Stadt auf Zeit. Versteht man die Arbeit
als extrem verlangsamten Entwurfsprozess, als Inszenierung
des Ungewissen (Koolhaas) wird die Unvorhersehbarkeit des
Ergebnisses deutlich: die Form verdichtet sich in einem Punkt
(der gemeinschaftliche Stadtblock) oder differenziert sich
aus (Geflecht einer Metastadt) oder verschwindet (Nullsumme).
Oder.
Grundsatz des Projektes ist, dass
es als offenes System angelegt ist und Impulse von Aussen aufnimmt
- die Fragestellung eines Ortes genauso wie den kritischen
Blick der öffentlichen Betrachtung. So werden selbstreferentielle
Kurzschlüsse vermieden und die Reflexion befruchtet. Notwendigerweise
muss das Projekt dafür sichtbar sein.
Das Modell des entropischen Raums besteht
aus 12 Folien, die die Stadtfragmente der Gruppe zu unterschiedlichen
Zeiten belichten. Die zeitliche Ordnung ist in eine räumliche übertragen.
Der Abschnitt bildet die ersten 2 Jahre des Projektes ab und
bietet ein Bild der Zeitgestalt. Das Forum der »Akademie
Mobil« ist Bestandteil der Arbeit und wird zu Austausch
und Gespräch genutzt (Information und Termine am Forum).
So werden in der Situation der Ausstellung Kommunikationsformen
valorisiert (Groys) und sichtbar.
Zusammenfassend ist die Strategie der
Verfestigung flüchtiger und diffuser Bewegungen eigentliches
Anliegen. Hier: verlangsamt, als über ein Jahrzehnt ablaufender
Prozess. Bewegung selbst provoziert ihren notwendigen Raum.
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Kontext
1997 dokumentarische Arbeit über
Lebensutopien ausgestellt zur Jahresausstellung der Akademie der
Bildenden Künste
in Nürnberg
Bestandteile
Transparente Folien, Kreidebodenzeichnung,
Text, Veranstaltung
Autor
Stefan Krüskemper

Das im »Der Entropische Raum« beschriebene
Projekt wurde von den Teilnehmern 2002 einhellig eingestellt.
Die Frage nach einer zukünftigen gemeinschaftlichen
Lebensweise bewegt uns noch immer... |