Heidemarie Schwermer
verschenkte 1996 ihre Möbel, gab ihre Wohnung und ihre Praxis
als Psychotherapeutin auf und kündigte ihre Krankenversicherung.
Seither lebt sie auf der Basis von Geben und Nehmen ohne
Geld. Das Video »Ein Leben ohne Geld« des buero für
integrative kunst entstand während eines Treffens Interessierter
mit Heidemarie Schwermer im Ruhrgebiet.
Die Ausstellung Permanent Produktiv
»›Kunst ist
schön, macht aber viel Arbeit.‹ Die Vorstellung
vom Künstler, von der Künstlerin, als personifizierter
Müßiggang hat sich bis heute bewahrt. Das Bild
des autonomen Künstlers, der autonomen Künstlerin,
im einsamen Atelier gehört jedoch einer romantisch
verklärten Vergangenheit an. KünstlerInnen sind
klassische Selbstausbeuter. Heute sind sie Ideen-Pool, ProduzentInnen
und PR-AgentInnen in einer Person - ohne soziale Sicherung.
So verkörpern sie den Prototyp des Selbstunternehmers,
der im Zuge digitaler Umwälzungen den Erwerbsarbeiter
ablösen soll. Auch WissenschaftlerInnen, StartUp-ManagerInnen
und PolitikerInnen diskutieren in diesem Sinne die Relevanz
dieses durchaus problematischen Modells künstlerischer
Lebensführung für eine moderne Dienstleistungsgesellschaft.
Vor dem Hintergrund der Autonomie der Kunst als humaner Handlungsraum,
der einen originären Wert hat, kann Kunst Diskussionen über
individuelle und gesellschaftliche Leitbilder anstoßen.
Im Sinne dieses Strukturwandels untersucht ›Permanent
Produktiv‹ den sich verändernden Arbeitsbegriff
anhand eines erweiterten Kunstbegriffs.
Arbeit,
Beruf, Karriere, Selbstverwirklichung - die Philosophie des ›Survival of the Fittest‹ -
stehen gegenwärtig, wo die Politik des Neoliberalismus
unsere New Economy-Gesellschaft zunehmend prägt, Nichtstun,
Muße, ehrenamtlicher Tätigkeit und Solidarität
scheinbar diametral gegenüber. Arbeit wird als sichtbare,
in Kapital umsetzbare Produktivität begriffen. Was aber
ist mit den alltäglichen Beschäftigungen, den notwendigen,
sinnlosen oder selbstgewählten Betätigungen? Sind
sie nur in Kauf genommenes Beiwerk der Effektivität oder
vielmehr Keimzelle von Identitätsbildung? Was bedeutet
nichts tun in einer Welt der Professionalisierung?
›Permanent Produktiv‹ greift Diskussionen um
die Begriffe Arbeit und Freizeit und deren damit einhergehende
gesellschaftliche Bewertung auf. Welche Zukunftsperspektiven
bietet eine Gesellschaft, in der Arbeit im klassischen Sinne
immer weniger wird, dem Individuum? Welche Möglichkeiten
und welche Gefahren liegen in der zunehmend positiven Bewertung
von Begriffen wie Selbständigkeit, Eigenverantwortung
und soziale Kompetenz?
›Permanent Produktiv‹ befasst
sich mit künstlerischen Positionen, die diese Begriffe
hinterfragen und innovative sowie alternative Modelle des Arbeits-
und Produktivitätsbegriffs im gesellschaftlichen Feld
entwerfen, wie sie deregulierte Verhältnisse dokumentieren
und kritisieren. Das Spannungsfeld der künstlerischen
Projekte umfasst unter anderem die Reflexion gegenwärtiger
und zukünftiger Arbeitsbegriffe sowie die unmittelbare
bzw. modellhafte Gestaltung von gesellschaftlichen Strukturen.
Hinzu kommen ein leidenschaftliches Plädoyer für
das Nichtstun als regressiver Freiraum der Kreativität,
sinnlose Exerzitien des beständigen Übens und Scheiterns,
die Analyse obsessiver Handlungsmuster, Beispiele idealistisch
motivierter Selbstausbeutung sowie den erwünschten wie
unerwünschten Nebenwirkungen von Workaholism und Freizeitstreß.«
Gabriele Mackert und Jeanette Pacher (Kuratorinnen) |
Kontext
2004 Gruppenausstellung »Permanent
Produktiv«,
Kunsthalle Exnergasse, Wien
Weitere Gruppenausstellungen des
Beitrags:
2003 »Streik«,
Westfälischer
Kunstverein, Münster · 2002 »Erst
die Arbeit«, ACC Galerie, Weimar · 2002 »Life
Policies«, Galeria Ze Dos Bois, Lissabon
Autoren
buero für integrative
kunst - Jörg Amonat, Stefan Krüskemper
Bestandteile
Text und DVD »Ein Leben ohne
Geld« 30
Minuten, Deutsch, Portugiesisch, 2002


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Presseartikel Wien
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Presseartikel Lissabon
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