Stefan Krüskemper
 
 
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Klassenpreis der Akademie der Bildenden Künste
Der Entropische Raum · AdBK · Nürnberg

Rezession: in Zeiten schrumpfender Etats und wachsender Armut beschäftigt sich der Architekt und Künstler traditionellerweise mit der Vision und der Utopie. Die heisst heute Heterotopie (Focault) und kann angesichts des Misstrauens in das Subjekt keine abgeschlossene oder rein formale Antwort bieten. Eher: das Umwerten der Werte, das Einzeichnen in vorhandene Strukturen. Die Suche eines Raums im Profanem. Orten.

Angelegt auf einen Zeitraum von 10 Jahren erarbeitet und diskutiert eine offene Gruppe von 10-12 Aktiven (aus Berlin, Haan, Hamburg, Marburg und Nürnberg; Richtungen: Medizin, Pädagogik, Architektur, Kunst) neue und persönliche Formen des Zusammenlebens und -arbeitens. Ziel: die Umsetzung eines lebendigen Prozesses in die Realität. Heterogenität der Teilnehmer (die Umstände sind individuell, anthroposophisch oder wurzeln in der FrauenLesben Politik) und biographische Ortsungebundenheit sind kennzeichnend. Themen sind das potentielle Programm: Therapeutikum, selbstorganisierte Kita, Cafe, Projektgemeinschaft, Ateliers, Wohnformen; Politische Konzeption: Bewertung von Arbeit, Verbindlichkeit der Lebensform, Finanzen, Punktesystem. Und: künftige Projekte. Durch regelmässige Treffen und Rundbriefe bleibt der Kontakt auch über grössere Entfernungen konstant. Protokolle fassen Ergebnisse zusammen.

Idee der Arbeit ist es, aus der Flüchtigkeit sozialer Aktivität einen Raum zu entwickeln. Besser: den Raum aufzuzeigen, der durch die Präsenz der Teilnahme selbst aufgespannt wird. Big Bang. Seine Form generiert sich durch die Vektoren der Bewegung (Kwinter) und der Energie, dem Engagement der Gruppe - Eine Zeitgestalt, die sich permanent ändert und doch: gibt es ein Innen, eine Begrenzung, den Schutz und die Identität eines gemeinsamen Raumes. Stürzt er eines Tages in einer Implosion in sich zusammen ist die Summe der Kräfte Null.

(Heutige Stadtstrukturen basieren zunehmend auf der Dimension der Zeit und sind immer weniger Ausdruck einer räumlichen, ganzheitlichen Beziehung. Mobilität fragmentiert und entwertet. Die Stadt wird zur persönlich zusammengesetzten Collage des Einzelnen.) Der entropische Raum ist urban. Individuelle Stadtfragmente sind zu einem neuen kollektiven Ort zusammengeführt. Werdende Ordnung. Stadt auf Zeit. Versteht man die Arbeit als extrem verlangsamten Entwurfsprozess, als Inszenierung des Ungewissen (Koolhaas) wird die Unvorhersehbarkeit des Ergebnisses deutlich: die Form verdichtet sich in einem Punkt (der gemeinschaftliche Stadtblock) oder differenziert sich aus (Geflecht einer Metastadt) oder verschwindet (Nullsumme). Oder.

Grundsatz des Projektes ist, dass es als offenes System angelegt ist und Impulse von Aussen aufnimmt - die Fragestellung eines Ortes genauso wie den kritischen Blick der öffentlichen Betrachtung. So werden selbstreferentielle Kurzschlüsse vermieden und die Reflexion befruchtet. Notwendigerweise muss das Projekt dafür sichtbar sein.

Das Modell des entropischen Raums besteht aus 12 Folien, die die Stadtfragmente der Gruppe zu unterschiedlichen Zeiten belichten. Die zeitliche Ordnung ist in eine räumliche übertragen. Der Abschnitt bildet die ersten 2 Jahre des Projektes ab und bietet ein Bild der Zeitgestalt. Das Forum der »Akademie Mobil« ist Bestandteil der Arbeit und wird zu Austausch und Gespräch genutzt (Information und Termine am Forum). So werden in der Situation der Ausstellung Kommunikationsformen valorisiert (Groys) und sichtbar.

Zusammenfassend ist die Strategie der Verfestigung flüchtiger und diffuser Bewegungen eigentliches Anliegen. Hier: verlangsamt, als über ein Jahrzehnt ablaufender Prozess. Bewegung selbst provoziert ihren notwendigen Raum.

Kontext
1997 dokumentarische Arbeit über Lebensutopien ausgestellt zur Jahresausstellung der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg

Bestandteile
Transparente Folien, Kreidebodenzeichnung, Text, Veranstaltung

Autor
Stefan Krüskemper

 

Foto Stefan Krueskemper

 

Das im »Der Entropische Raum« beschriebene Projekt wurde von den Teilnehmern 2002 einhellig eingestellt. Die Frage nach einer zukünftigen gemeinschaftlichen Lebensweise bewegt uns noch immer...

 

Wettbewerbe

Kunst bist du! · Zürich-Schule · Berlin
Remix · Duisburg
Klanginstallation Air Borne · Berlin

Marktbrunnen · Chemnitz
Face to Face · Nürnberg
Medieninstallation · Nürnberg

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Interventionen

Tätig werden. Ein Spiel. · Leipzig
Team Fiction · Cali (co)
Ein schöner Tag · Tokyo (jp)
Leben ohne Geld · Wien (at)
Kirche im Businesspark · Nürnberg
Morphoskop · Zürich (ch)

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Projekte

Citizen Art Days · Berlin
Superconstellation · Düsseldorf, u.a.
The Intricate Journey · Berlin, u.a.
parkTV · Dessau, u.a.
Arbeit über Arbeit · Nürnberg, u.a.
Der entropische Raum · Nürnberg

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