Die Klausur des Container-Klosters
Architekt
baute »Nürbanum« eine Kunst-Kapelle ins Innere
Der kirchliche Kern, um den sich die Städte und Dörfer
früher wie Kokons gebildet haben, er wird heute nachträglich
und künstlich mitten ins soziale Geflecht gesetzt: Dem Businesspark »Nürbanum«,
der sich auf einem 45000 Quadratmeter, großen Gelände
mit Lagerhallen und Läden, mit Arzt und Apotheke, mit Rasengolf
und Restaurant als »Stadt in der Stadt« feiern lässt,
hat Stefan Krüskemper jetzt eine Kunst-Kapelle in den Bauch
gebaut.
Kirche
müsse heute mobil sein,
erklärt der Student der Nürnberger Akademie für Bildende
Künste seine Arbeit und schraubt im Handumdrehen zwei Dutzend
industrielle Doppelstegplatten aneinander. In einer Stunde auf und
wieder abbaubar, aus leichten Teilen am besten, die ein Mann alleine
tragen kann. Der 35-jährige Architekt hat die alljährliche
Leistungsschau der Akademie-Absolventen an der Allersberger Straße
(die NN berichtete) genutzt, um das »Nürbanum« mit
einem kontemplativen Raum das zu geben, was dem Gewerbe und Freizeitpark
zur Vollkommenheit noch fehlte.
Bibel in Loseblattform
In der Durchgangspassage L und »in
glaubwürdiger Distanz« zur übrigen Ausstellung über
dem Taco-Schnellrestaurant nimmt ein durchsichtiger Container rasch
Gestalt an, der durch flexible Türen sowohl einen geöffneten
Gottesdienst als auch die Klausur des Klosters ermöglichen
kann. Unter einem Oberlicht, durch das die Sonnenstrahlen mehrfach
gebrochen wie durch eine Kathedralenkuppel hereinscheinen, steht
ein multifunktionaler weißer Tisch als Altar. Die Bibel ist
in Loseblattform in einen Leitz-Ordner geheftet, rote Plastikstühle
warten in Reih und Glied auf experimentelle Kirchgänger und
Teelichter - statt Kerzen - auf den Funken eines Feuerzeugs.
Um dem
rechteckigen Rahmen auch liturgisches Leben einzuhauchen, konnte
Stefan Krüskemper
Pfarrer Bernd Kampf aus der evangelischen Dreieinigkeitskirche
in Gostenhof gewinnen, der - »von der Sache schnell begeistert« -
hier ein paar Gottesdienste feiern wird. Ist kein Geistlicher da,
lädt ein Computer zur Meditation per Mausklick ein. Schwarz
auf weiß hat der Künstler eine website entworfen, die
dem Aufriss eines Kirchenschiffs ähnelt. Langsam an den Linien
entlang gefahren, ertönt nach und nach ein gesamter Gottesdienst
von rund 60 Minuten. Surft der Cursor aber hin und her, lauscht
man eben einem gesungenen Psalm hier, ein paar Fürbitten da
und dazwischen etwas metallischen Orgelklängen, die allesamt
von der preisgekrönten homepage der Elisabethkirche in Marburg
heruntergeladen sind.
»Ein Experiment zwischen Spiel
und Provokation, Andacht und Kunst«, sei die Kapelle, die Krüskemper
(zusammen mit den anderen Organisatoren der diesjährigen Akademie-Ausstellung)
den Preis der Jury einbrachte. Erste Reaktionen gab es schon beim
Aufbau: Die unmittelbaren Nachbarn der Container-Kirche, eine Druckerei
und ein Hersteller von Aluminiumteilen, haben bereits neugierige
Fragen zu Gott und der Kunst gestellt.
Juli 1999
Nürnberger Zeitung, Text: Silvia Besner
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