Stefan Krüskemper
 

Positionen und Tendenzen
Christina Jacoby, Stefan Krüskemper, Heidi Sadlowski

 

Jacoby: »Arbeit über Arbeit« startete aus einer persönlichen Fragestellung und Situation heraus. Wie begann das Projekt? Wie habt ihr es entwickelt?

Sadlowski: Unsere Situation damals waren persönlich prekäre Jobverhältnisse auf der einen Seite und auf der anderen Seite Kunstprojekte an der Grenze des finanziell verkraftbaren. Was geschieht uns? fragten wir uns. Wir begannen daraufhin ein Archiv zum Thema Arbeit anzulegen, basierend auf einer Auswahl von Zeitungsartikeln, Fotos und Aussagen von verschiedensten PhilosophInnen wie André Gorz, Richard Sennett, Hannah Arendt, Maurizio Lazzarato. Quellen waren alle möglichen Alltagsmedien. Zwischenzeitlich entstanden eigene Texte und collagierte Bild/Textzitate, formal inszenierte Gesprächssituationen an öffentlichen Orten wie Cafes oder dem städtischen Bildungszentrum. Uns stand z.b. ein sehr schöner gläserner Pavillion hinter dem Hauptbahnhof in Nürnberg zur verfügung, in dem wir unser Basisbüro für einen Monat einrichteten und zum Thema Arbeitende und Interessierte einluden.

Jacoby: Das Projekt trat bis jetzt in verschiedenen Formen an die Offentlichkeit: ihr habt eine allgemein zugängliche »Plattform« entwickelt, auf der verschiedene Leute sich treffen konnten, um sich in Vorträgen und Gesprächen zu informieren und auszutauschen. Euer Basisbüro diente euch als Arbeitsraum, um andere Personen und Gruppen, die sich intensiv mit dem Begriff »Arbeit« beschäftigen zu Gesprächen einzuladen.

Krüskemper: Zusätzlich begleitet das Internetprojekt www.arbeit-ueber-arbeit.de unsere Aktivitäten und übersetzt Ergebnisse in dieses Medium durch das sich der Zusammenhang der verschiedenen Themenschwerpunkte deutlich machen lässt, der sonst bei so einer Arbeitsstrategie verloren gehen kann. Das Nürnberger Jobcafe, eine Initiative des Arbeitsamtes und Noa 1, stellte für unser Projekt kostenlose Internetzugânge zur verfügung. Wichtig ist für mich im Internetteil: die Verlinkung mit anderen sozialen und künstlerischen Plattformen.

Jacoby: Als ich mich mit eurer Arbeit befasst habe, sind mir einige Formulierungen besonders aufgefallen. Eure Homepage beginnt mit: »Selbstausbeutung verweigern«, häufig fallen die Begriffe »immatrielle Arbeit«, »Kommunikationsökonomie«, »Netzarbeit«, aber auch »Zukunftsperspektiven« und »Überleben«. Könnt ihr kurz den Weg zu diesen Themen erläutern?

Publikation

Erschienen in : Positionen und Tendenzen, Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2002.
ISBN 3-933096-38-3

 

Krüskemper: Im Grunde haben wir dabei unsere Arbeitssituation selbst beschrieben. Teleexistenz in der Kommunikationsökonomie. Damit ist ja eigentlich eine Art der Produktion gemeint, die erst einmal kein materielles Produkt hat, sondern eine gesellschaftliche Relation provozieren will oder anders gesagt: eine umwertende Idee in die Gesellschaft geben will. Diese Form der Arbeit schafft dann Kommunikation und Netzwerke aus sich heraus. Über welches Medium die Arbeit sich dann vermittelt, bestimmt oft den Grad der Autonomie des Produzenten. Denn an das Medium ist die kapitalistische Verwertbarkeit geknüpft.

Sadlowski: ... zum Überleben: Es gab in unserer Gesprächsreihe einen Vortrag von Robert Kurz, den wir mit dem Adornozitat »Es gibt kein Richtig im Falschen« 2 überschrieben haben. Eine unserer Fragen an Robert Kurz war: Wie können wir in diesem System würdevoll (über)leben ohne ständig andere Leute auszubeuten oder selbst ausgebeutet zu werden? Sein Vortrag bestand aus einem Abriß über die Geschichte des Kapitalismus. Kurz zusammengefasst: er glaubt in diesem System an Zusammenarbeit mit ständiger gegenseitiger Hinterfragung und Besprechung. Ständige Bewusstseinsbildung ist ja sehr marxistisch und aufwendig. Ich übersetze es auch mit Streitkultur und vieler -auch unangenehmer - gegenseitiger Auseinandersetzungen als Schutz vor nichtgewollter Abhängigkeit.

Krüskemper: »Wir werden diese Arbeit nicht los ohne das Geld loszuwerden« ist eine seiner spannenden Formulierungen. Das System, in dem wir uns bewegen, funktioniert nach kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten und produziert eben diese heutigen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Eine Maschine, wenn man deren Definition auf die zwangslâufigkeit ihrer Elemente ausdehnt, wandelt unsere menschlichen Energien in Form der Arbeit für das Abstraktum des Geldes um. Eine Maschine die verbrennt: Ressourcen, Menschen, Ethik.

Jacoby: In eurer Auseinandersetzung mit verschiedenen Spezialisten findet ihr philosophische, politische, ökonomische, soziologische Vorstellungen und Strategien, vVisionen und Perspektiven wieder, die euch aus der ökonomischen Realität als K ünstler wohl vertraut sind. In einem Vortrag von Michael Brater kam das expressis verbis zum Ausdruck: »künstlerische Praktiken im Arbeitsprozeß« ...

Krüskemper: Michael Brater ist Soziologe, hat mit Beck gearbeitet und geht in seinen Betrachtungen von einem anthrosposophischen Menschenbild aus. Er kommt gerade auf den Punkt der künstlerischen Kompetenz, die er dringend für die Wirtschaft und den dort tätigen Menschen einfordert. dem stehe ich zum teil kritisch gegenüber und wünsche es mir doch: als K ünstler auch gesellschaftlich Relevant zu sein. Einen Impuls weiterzugeben. Brater sieht natürlich die wirtschaftliche Situation des Künstlers und fordert konsequent ein Existenzgeld. Aber auch die Selbstbeauftragung der Menschen.

Jacoby: Wir haben uns bis jetzt über schon realisierte Stationen des Projekts unterhalten, über eurer Weg nach »draußen«, um die eigenen Gedanken und Fragen mit denen Anderer kurzzuschließen. Wie sieht die Zukunft aus? Wird es »Arbeit über Arbeit« weiterhin geben?

Krüskemper: Auf jeden Fall. Zur Zeit beschäftigen wir uns intensiv mit der projektbegleitenden Heftreihe, die wir in Berlin im NGBK und in M ünchen im Literaturhaus vorstellten. Die Idee unseres Ansatzes ist aber auch andere Autoren mit einzubinden, sowie unsere persönlichen Ansätze weiter zu verfolgen und in »Arbeit über Arbeit« einfliessen zu lassen. So ergaben sich über unsere Arbeit Kooperationen mit Erwerbsloseninitiativen und anderen K ünstlergruppen wie dem »office of utopic procedures« in Melbourne.

Sadlowski: Wir haben 1999 mit dem Projekt begonnen. In der Tagespolitik und auch in der Kunstwelt nahm die Brisanz des Themas stetig zu. Es werden kurzfristige Lösungen unter dem Druck der wachsenden Arbeitslosenzahlen und den anstehenden Wahlen von allen Seiten auf politischer Ebene diskutiert und Versuchsreihen zu deren Akutbekâmpfung länderweise gestartet. Wir haben jedoch sehr wenig neuere Literatur über verwirklichbare Gegenentwürfe zu unserem Gesellschaftssystem gefunden. Ich war sehr überrascht, wie z.b. Hannah Arendt bereits in den 60ern die derzeitiges Situation mit »stellen sie sich vor, der Arbeitsgesellschaft wird die Arbeit ausgehen« vorausgesehen hat. Mir wurde gerade das Buch »Politische Utopien der Neuzeit« von Richard Saage ans Herz gedrückt. Also wir machen weiter.

 

1. Noris Arbeit, gemeinnützige Beschäftigungsgesellschaft der Stadt Nürnberg mbH
2. Abwandlung von »Es gibt kein richtiges Leben im falschen«. nach Th. W. Adorno: Minima Moralia, Frankfurt am Main 2000

 

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