Politische Aspekte
von Kunst im urbanen Raum
Stefan Krüskemper
Guten Abend und vielen Dank an Frau
Dr. Wiehager und die Daimler Contemporary für die Gelegenheit
mich und somit auch die Fachkommission des Büros
für Kunst im öffentlichen Raum des BBKs vorzustellen.
Frau Wiehager
bat mich, zunächst mich
selbst mit einem Projekt aus meinem Portfolio als Künstler
zu präsentieren. Darauf folgt dann eine Art »Bilderstrecke« zum
Thema politischer Aspekte von Kunst im Stadtraum, diese Übersicht
versteht sich als meine persönliche Auswahl exemplarischer
Beispiele.
Schwerpunkt
werden dabei Berliner Künstler
und ihre Projekte sein. Allerdings werde ich die Projekte nur
kurz anreißen und skizzieren können, betrachten Sie
das Gezeigte als Verweise, als Links, denen Sie später selbst
weiter folgen können.
Falls es Fragen
zur Arbeit und Funktion der Fachkommission gibt, würde ich diese gerne in die spätere
Diskussion verschieben.
Meine eigenen
Arbeiten nähern sich den
Themen des öffentlichen Raums aus zwei unterschiedlichen
Motivationen heraus. Zum einen findet diese Näherung aus
der Perspektive des Wettbewerbs und der Realisierung statt. Wie
im Fall dieser Abbildung ist der Realisierung oft eine konkrete
Aufgabenstellung voraus gegangen: Sie sehen hier als ein klassisches
Beispiel von Kunst im öffentlichen Raum meine Klanginstallation »Air
Borne« an der Humboldt Universität in Berlin-Adlershof.
Zum anderen
sind es prozessorientierte und kontextbezogene Arbeiten, die
sich gesellschaftlichen Fragestellungen nähern. Diese meist selbstbeauftragten Arbeiten entstehen
häufig im Team. Dazu gehört meine Projektreihe »Arbeit über
Arbeit«, die ich Ihnen im Folgenden auch als eine exemplarische
Strategie für ein Kunstprojekt im öffentlichen Raum
vorstellen möchte.
Heute scheitern
an sich spannende Projekte immer wieder an den schwierigen
Bedingungen des öffentlichen
Raums. Die Frage der künstlerischen Strategie mit der Öffentliche
Räume und Öffentlichkeit als Gegenbewegung zur Privatisierung,
zur Ökonomisierung, wieder erschlossen und besetzt werden
können – und sei es auch nur temporär – ist
eine der zentralen Fragen zeitgenössischer Kunst geworden.
Seit 2000 wächst »Arbeit über
Arbeit« kontinuierlich und scheibchenweise. Am Anfang stand
die Beschäftigung mit der eigenen Jobsituation und daraus
folgend die Bewerbung auf eine Ausschreibung von »Positionen
und Tendenzen – interdisziplinäre Kunst im öffentlichen
Raum« in Nürnberg zusammen mit der Künstlerin Heidi
Sadlowski. »P+T« wird regelmäßig von dem
Albrecht Dürer Kunstverein und dem Institut für Moderne
Kunst veranstaltet. Nürnberg als Ort der Bundeszentrale für
Arbeit schien uns der passende Kontext, um unsere Gedanken und
vor allem unsere Fragen in Form zu bringen.
Unsere künstlerische Strategie mit der
wir uns dem öffentlichen Raum Nürnbergs näherten,
bestand einerseits aus situativen Installationen und andererseits
aus einem umfangreichen Veranstaltungsteil, der zunächst
der Klärung von Begrifflichkeiten diente. Wir legten dazu
ein Archiv an, das auf unterschiedlichen Kanälen zugänglich
war. Das z.B. im so genannten »Jobcafe« der Arbeitsagentur,
aber auch im Internet oder zu Aktionen einsehbar war.
Wir luden Fachleute
und Arbeitsgruppen zu ganz unterschiedlichen Formaten, wie
Spaziergängen, Salongesprächen
oder Workshops ein. Beispielsweise war der Medientheoretiker
Martin Burckhardt zu Gast, der Sozialökonom Robert Kurz,
der Soziologe Michael Brater und einige andere Personen, die
jeweils eine Wissensposition in das Projekt einbrachten.
Begleitet wurde
unser Projekt von Veröffentlichungen
im Internet, durch Publikationen und dokumentarische Videos.
Wir baten andere Künstler um Beiträge. Über die
Jahre entwickelte sich das Projekt zu einer Plattform, die in
unterschiedlichsten Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen
waren. Zum Beispiel sehen Sie auf dieser Abbildung »Ein
Leben ohne Geld« in der Kunsthalle in Wien. Es entstand
ebenfalls ein vielfältiger Austausch außerhalb des
Kunstkontexts, hier ebenfalls beispielhaft: die Abbildung eines
Treffens mit Erwerbslosengruppen in Düsseldorf.
Aktuellstes
Ergebnis der Reihe »Arbeit über
Arbeit« ist der Beitrag »Tätig werden, ein Spiel.«,
den ich, fast als eine Art Gegenentwurf zum theoretischen Teil
der Reihe, Ihnen nun vorstellen möchte. Vom Tanzarchiv in
Leipzig war ich zusammen mit Jörg Amonat eingeladen eine
Arbeit im Stadtteil Plagwitz umzusetzen. Wir arbeiten zusammen
unter dem Namen »buero für integrative kunst«.
Wir boten dazu
an zwei Wochenenden Workshops an, die Leipziger Bürgern offen standen. In den Workshops
wurden szenische Ideen gemeinsam erdacht: Wie könnte das
Arbeiten von Morgen aussehen? Dies wurde gemeinsam mit den Teilnehmern
in alltäglichen Situationen im öffentlichen Räumen
und im Privaten erprobt. Zum Beispiel begrüßten wir
in Form eines Angebots ankommende Fahrgäste am Bahnhof oder
befreiten Menschen vom Joch ihrer Freizeitverpflichtungen. In
den Spielszenen entstanden kleine, fragile Utopien über
neue Formen der Zusammenarbeit und des Umgangs miteinander.
Unsere Idee
war, dass in einer spielerischen Inszenierung Hemmschwellen
abgebaut werden können, um so
scheinbare Gesetzmäßigkeiten des Alltags in einem
konkreten Handlungsrahmen zu hinterfragen, um neue Denk- und
Sinnzusammenhänge herzustellen.
Die Aktionen
in der Stadt wurden dokumentiert und als Video festgehalten.
Für die Publikation, die gerade
in Vorbereitung ist, übertrugen wir die narrative Struktur
des Films in das Comicformat. Ich zeige nun einige Bilder daraus
und erläutere, was sie sehn. (Über die Sprechblasen
auf den Abbildungen erschließt sich das Projekt auch ohne
begleitenden Vortrag.)
Die Ergebnisse
des Workshops und der Spielszenen im öffentlichen Raum wurden in der Ausstellung »Mitarbeit
2008« kuratiert von Vera Lauf und Melanie Gruß im
Westflügel der Schaubühne Lindenfels gezeigt.
So, jetzt freue
ich mich darauf endlich exemplarische Arbeiten anderer Künstler vorzustellen. Obwohl ich weiß,
dass ich den oft komplexen Sachverhalten einer künstlerischen
Produktion in der Kürze dieses Vortrags nicht gerecht werden
kann, habe ich mich für die Präsentation einer Vielzahl
von Positionen entschieden. Sehen sie die einzelnen Positionen
daher als Verweis, als Link an, dem sie später einmal weiter
folgen können. Dafür ist die nun folgende »Bildstrecke« in
einem weiten Bogen thematisch geordnet: Arbeit - Geld
- Utopie - Mobilität - Grenzen - Stadtplanung – Selbstverwaltung.
Mit dem Thema der Arbeit möchte ich an mein eigenes
Projekt anknüpfen, um am Ende die Selbstverwaltung als
eine Entwicklung herauszustellen, in der sich Kunst und Gesellschaft
fruchtbar berühren können.
Nun geht es
also weiter mit dem Thema Arbeit, jetzt von der Gruppe Bankleer – Karin Käsböck
und Christof Leitner -, die viele komplexe Projekte zu diesem
thematischen Feld realisierten. Besonders interessant sind ihre
Arbeiten, die sich auf eine Linke Geschichtsperspektive beziehen.
Diese temporäre Installation 2008 aus Baumaterialien ist
mit Schimpfwörtern über prekäre Jobverhältnisse
beschrieben: »Ein Tuch der Tränen« ist der bezeichnende
Titel ihrer Arbeit
»Wir werden diese Formen der Arbeit
nicht los, ohne das Geld loszuwerden.« las ich bei Robert
Kurz. Hier sehen Sie einen Beitrag aus dem letzten Jahr von Stephan
Kurr dazu, der mit »MeinGeld« endlich auch Demokratie
im Geldwesen fordert und sich eine eigene Mikrowährung ausdachte.
Sein persönlicher Ausgangspunkt für die Idee war der
bekannt chronische Geldmangel bei Künstlern.
Offensichtlich
ist die Plakataktion von Stih und Schnock ein kritischer Kommentar
zur Flick Kollektion im Hamburger Bahnhof. Das Projekt versteht
sich als ein offener und kritischer Diskurs, der eine öffentliche Erinnerungskultur
durch Provokation einfordert. Renata Stih sagt in einem Text,
dass es in dem Projekt der Neuen Gesellschaft für Bildende
Kunst kurz gesagt um die Erotik des Geldes geht.
Das sich Geld,
gerade dann wenn es im Begriff steht wertlos zu werden, auch
für Spekulationen über
eine bessere Welt eignet, zeigte Susanne Bosch mit Ihrer »Restpfennigaktion«.
Die übrig gehaltenen Pfennige - nach der Euroumstellung
- konnten zusammen mit Ideen in öffentliche Sammelboxen
geworfen werden. 2002 wurden die Boxen mit insgesamt 13 Tonnen
Pfennigen geöffnet. Eine Jury wurde per Los zusammengestellt,
um zu entscheiden, was mit dem Geld passieren soll.
Sehr viel direkter
geht die Kolumbianerin Maria Linares das Thema Utopie an. Berlintypisch
bespielt sie eine Schaufenster-Galerie mitten in Kreuzberg
in der Oranienstraße
und läst darin Wissenschaftler Lesungen halten, die sich
in ihrer eigenen Arbeit mit politischen Utopien des Anarchismus
beschäftigen. Damit brachte sie die Träume einer vielleicht
besseren Welt wieder auf die Strasse und unter die Leute.
Fast wäre eine Utopie, die einer
anderen Geschwindigkeit von Stadt, von Thorsten Goldberg realisiert
worden. Er gewann 2005 einen Wettbewerb mit der Idee die Potsdamer
Straße
für 30 Minuten vollständig zu räumen, um eine
Reiterin gemächlich entlang reiten zu lassen. Im Anschluss
daran wäre Raum für ein Straßenfest ohne Autoverkehr
gewesen. Das Video der Aktion sollte, wie zum Beweis dass eine
andere Wirklichkeit möglich ist, permanent im Stadtraum
gezeigt werden.
Dass die Strasse dann doch kein Ort
für Träume
ist, zeigen Folke Köbberling und Martin Kaltwasser mit ihrer
Arbeit »white trash«. Einer dieser SUVs, dieser modischen
Geländewagen, steht längs auf dem Mittelstreifen der
Neuköllner Karl-Marx-Allee und okkupiert gleich mehrere
Parkplätze. Der Wagen ist aus vergänglichem Holz gebaut
und würde vergehen, wenn man ihn denn ließe. Die Künstler
beschwören mit ihrer Blockade bewusst kritische Reaktionen,
um so die Bedingungen städtischen Lebens zu thematisieren.
Ähnlich emotionale Reaktionen löste
die Arbeit von Patricia Pisani aus. Auf die Passanten, die eine
Brücke zur Hamburger Zollinsel betraten, reagierten sieben
Schlagbäume im Normalfall durch synchrones Auf- und Niedergehen.
Allerdings: Ein Zufallgenerator wählte willkürlich
aus, für wen sich der Weg verschließt. Ein ausgrenzender
Vorgang, der, wenn er persönlich empfunden wird, Menschen ärgert,
aber sie gleichermaßen für das Thema der Grenze sensibilisieren
kann.
Wie sich die
Empfindungen der Menschen ändern,
wenn sie die Grenzen hinter sich lassen, ist Thema bei Judith
Siegmund. 2004, im Beitrittsjahr Polens zur EU, bot sie mit »Starter
Kompakt« Busreisen nach Polen mit dazugehörigem Sprachunterricht
gleich im Bus an. Berliner, die nie Polnisch gesprochen hatten,
nutzen dies und hatten vor Ort die Gelegenheit die neuen Kenntnisse
sofort auszuprobieren, denn es gab ein Besichtigungsprogramm
mit Führungen und Vorträgen. Interessant sind besonders
die Details im Reisebericht, wie sie sich auf der Website der
Künstlerin finden.
Für die Ängste, die solch offene
Grenzen auslösen können, zeigten Christof Tempel und
Christine Kriegerowski eine Lösung auf. Sie legten zunächst
eine Typologie von Zäunen und Grenzen an und ordneten alphabetisch
die jeweils passenden Ängste zu, die sich darin materialisieren.
So entlarven sich Zaun-Abbild und Bedrohungs-Angst gegenseitig. »Wir
halten für jede Bedrohung den passenden Zaun bereit« sagen
die Künstler und plakatierten dies in der U-Bahnstation
Alex U2 zum Thema »Sauberkeit, Service, Sicherheit«.
Letztlich zeigt sich in dieser Typologie auch die Typologie städtischer
Ausgrenzung, die sich materialisiert z.B. in Gated Communities
wieder findet
Dass Kunst
sich auch fundiert in komplexe stadtplanerische Felder mit
ihren vielen nutzerbedingten Konflikten begeben kann, zeigt
dieses Beispiel. In den festgefahrenen Konflikt zwischen den
Besetzern des ehemaligen Krankenhaus Bethanien und den anderen
Nutzern, wie den Betreibern des Künstlerhaus,
führen Christiane Dellbrügge und Ralf de Moll eine
stadtplanerische Fiktion ein: Den Umzug des Künstlerhauses
in den schon lange geschlossen Vergnügungspark in Berlin
Treptow. In der Ausstellung im Bethanien schufen sie eine öffentliche
Plattform für ihre Idee sowie für Diskurs und Austausch,
um gemeinschaftlich mögliche Vorgehensweisen zu beraten.
Eine aktuelle Tendenz sind so genannte »gardening« Projekte.
Temporäre und selbstverwaltete Bürgergärten, wie
hier der »Rosa Rose« in Berlin, der bis 2008 bestand,
bevor er geräumt wurde. Deutlich wird an solchen Projekten,
wie nah einerseits die Kunst an das Leben, an die Welt gerückt
ist, aber auch umgekehrt, wie nah die Welt künstlerischen
Praktiken gekommen ist.
Ich denke,
je mehr diese Schnittstelle zwischen professionell arbeitenden
Künstlern und authentisch lebenden
und tätigen Menschen zusammenrückt, desto umfassender
kann der Austausch an dieser Reibungsfläche sein und desto
spannender wird die Frage zu beantworten sein, um die es heute
ging: Was sind politische Aspekte der Kunst?
Hier möchte ich mit dem Vortrag
enden ... vielen Dank für Ihr Interesse.
Vortrag von Stefan Krüskemper am
5. Februar 2009 im Haus Huth der Daimler Contemporary |