Stefan Krüskemper
 

Adlershof Kunst im öffentlichen Raum
Dr. Anne Marie Freybourg

 

Zur Eröffnung der Klanginstallation »AIR BORNE«
Die Jury war vor eineinhalb Jahren, zusammen mit den Künstlern, zu einer ersten Begehung dieses Platzes eingeladen. Ich erinnere mich genau; wir waren von diesem ungewöhnlichen Platz äußerst beeindruckt und uns wur- de schlagartig klar, daß diese Wettbewerbsaufgabe für uns alle eine große Herausforderung ist. Es stellte sich für uns die Frage, ob sich denn Kunst auf diesen geschichtsträchtigen und heute durch die naturwissenschaftlichen Institute der HU neu definierten Ort, auf diese Spannung zwischen Geschichte und Gegenwart überhaupt adäquat beziehen kann? Ob denn Kunst hier noch etwas Zusätzliches an Sinn und nicht nur Platz-Dekoration einbringen kann? Da trotz der schwierigen Wettbewerbsaufgabe alle beteiligten Künstler höchst interessante Vorschläge eingereicht hatten, hat sich die Jury mit sehr viel Freude genau und engagiert mit den neun Wettbewerbsbeiträgen auseinandergesetzt.

Heute weihen wir die Preisträgerarbeit »AIR BORNE« ein. Stefan Krüskemper hat sie konzipiert, ein bevorzugt mit dem öffentlichen und sozialen Raum arbeitender Künstler, der seiner künstlerischen Arbeitsweise das treffende label »buero für integrative kunst« gegeben hat. Er hat für seine Idee, wie er die Geschichte des Aerodynamischen Parks lebendig werden lassen will, mit dem österreichischen Komponisten Karlheinz Essl zusammen gearbeitet und die technisch Umsetzung mit Thomas Boltz, der Firma Trillian realisiert. Durch diese interdisziplinäre Kooperation ist ein ganz neuartiges Kunstwerk für den öffentlichen Raum entstanden.

Zuerst mag man vermuten, das Neuartige sei, daß es eine Arbeit ist, die mit Klang arbeitet. Daher rührten auch die anfänglich großen Vorbehalte in der Jury, weil viele »Klang im öffentlichen Raum« nur als Belästigung kennen, als emotionalen Weichspüler im Kaufhaus oder in öffentlichen Verkehrspassagen. Wir haben uns aber detailliert mit Krüskempers Vorschlag beschäftigt und dann erkannt, daß wir keineswegs eine belästigende »ambiente music« - Anlage zu befürchten hatten, sondern innovative Klangkunst erwarten konnten.

Klangkunst, sound installation hat sich seit zwanzig und mehr Jahren als eigene Kunstform, als Hybrid aus Musik und Skulptur entwickelt. Meist ereignete sie sich auf speziellen Festivals und in experimentellen Ausstellungen. Mit »AIR BORNE« haben wir aber eine Klangarbeit, und das ist das Neuartige, die sich bewußt im öffentlichen Raum ansiedelt. Wir waren als Jury überzeugt, daß wir dieses Experiment wagen können, weil erstens die Arbeit extrem vielschichtig ist, Skulpturales, Literarisches und Geschichtliches in der Klangkunst miteinander verknüpft, und weil zweitens sie als Komposition eine ungewöhnliche Zeitdauer, nämlich eine Zeitdauer von vier Jahren hat.

Zwei wichtige Leitsätze motivierten unsere Juryarbeit. Man fühlt sich besonders als Jury für Kunst im öffentlichen Raum dafür verantwortlich, daß heute ein Kunstwerk neue Impulse setzen kann und nicht bloß eine irgendwo und irgendwie im Raum abgeworfene Skulptur ist – das hat man schon vor fünfzehn Jahren als »dropped sculpture« entlarvt - und man fühlt sich besonders dafür verantwortlich, daß im öffentlichen Raum ein Kunstwerk auch für den regelmäßig vorbeikommenden Betrachter für eine lange Zeit spannend und anregend bleibt und nicht baldigst übersehen wird. Alle diese Erwartungen erfüllt unserer Meinung nach »AIR BORNE« bestens.

Die Arbeit ist skulptural mit den roten Ellipsoiden. Sie ist gebrauchsfähig, weil die Klangkörper auch als Ruheplatz genutzt werden können. Die Arbeit strukturiert den Platz anders als die funktionale Wegeführung und gleichzeitig nutzt sie auf subtil Weise die Gartengestaltung des Platzes, weil sie frische farbliche Akzente setzt. Der Klang von »AIR BORNE« spannt sich wie ein feines Netz über den Platz. Nur selten dringt der Klang vehement und laut an unser Ohr. Wir müssen uns schon zu dem einzelnen Klangkörper hinbewegen, meist sogar zu ihm hinneigen, um den Klang genauer hören zu können. Nicht aufdringlich wird man hier beschallt, sondern herangelockt; verführt, sich mit dem Klang eingehender zu beschäftigen, wenn man Lust hat zu verweilen. Auf den Ellipsoiden stehen Satzfragmente, die sich poetisch – metaphorisch auf die Luftfahrt- und Technikgeschichte dieses Platzes beziehen. Diese Satzfragmente sind so etwas wie ein verschlüsselter Schlüssel, der uns die mit Geschichte aufgeladenen Klangstücke genauer eröffnet. Wir haben mit diesen Satzstücken einen klitzekleinen narrativen Wegweiser, der uns hilft, unsere Ohren zu öffnen.

Die Komposition der verschiedenen Tonstücke beruht auf thematisch ausgewählten Dokumenten aus dem Rundfunkarchiv, das bis 2000 hier vor Ort war. Die Tondokumente werden durch eine bestimmte Bearbeitung verfremdet und dadurch fiktionalisiert. Die zeitliche Struktur der Komposition ist so angelegt, daß die Abfolge der einzelnen Tonstücke, die aus einem Ellipsoid ertönen, durch einen Zufallsgenerator erzeugt werden; wie auch durch Zufallsprozesse gesteuert wird, wo auf dem Platz wann etwas erklingt. Die Dauer haben Krüskemper und Essl an die Regelstudienzeit gekoppelt, erst im Zeitraum von vier Jahren hört man die Komposition in ihrer Gesamtheit.

Da gibt es gute Chancen, daß Sie sich immer wieder von dieser Arbeit überraschen lassen können! Und das wäre der ideale Anstoß, sich mit diesem Kunstwerk sowie mit der Geschichte dieses Ortes auseinanderzusetzen Daher wünsche ich diesem vielschichtigen und lange dauernden Werk eine offene und neugierige Rezeption.

 

© 2000—2010 bei VG Bild-Kunst Bonn für die Werke von Stefan Krüskemper und bei den jeweiligen Künstlern und Autoren

 
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