Adlershof Kunst
im öffentlichen Raum
Dr. Anne Marie Freybourg
Zur Eröffnung
der Klanginstallation
»AIR BORNE«
Die Jury war vor eineinhalb Jahren,
zusammen mit den Künstlern,
zu einer ersten Begehung dieses Platzes eingeladen. Ich erinnere
mich genau; wir waren von diesem ungewöhnlichen Platz äußerst
beeindruckt und uns wur- de schlagartig klar, daß diese
Wettbewerbsaufgabe für uns alle eine große Herausforderung
ist. Es stellte sich für uns die Frage, ob sich denn Kunst
auf diesen geschichtsträchtigen und heute durch die naturwissenschaftlichen
Institute der HU neu definierten Ort, auf diese Spannung zwischen
Geschichte und Gegenwart überhaupt adäquat beziehen
kann? Ob denn Kunst hier noch etwas Zusätzliches an Sinn
und nicht nur Platz-Dekoration einbringen kann? Da trotz der
schwierigen Wettbewerbsaufgabe alle beteiligten Künstler
höchst interessante Vorschläge eingereicht hatten,
hat sich die Jury mit sehr viel Freude genau und engagiert mit
den neun Wettbewerbsbeiträgen auseinandergesetzt.
Heute weihen
wir die Preisträgerarbeit
»AIR BORNE« ein. Stefan Krüskemper hat sie konzipiert,
ein bevorzugt mit dem öffentlichen und sozialen Raum arbeitender
Künstler, der seiner künstlerischen Arbeitsweise das
treffende label »buero für integrative kunst« gegeben
hat. Er hat für seine Idee, wie er die Geschichte des Aerodynamischen
Parks lebendig werden lassen will, mit dem österreichischen
Komponisten Karlheinz Essl zusammen gearbeitet und die technisch
Umsetzung mit Thomas Boltz, der Firma Trillian realisiert. Durch
diese interdisziplinäre Kooperation ist ein ganz neuartiges
Kunstwerk für den öffentlichen Raum entstanden.
Zuerst mag
man vermuten, das Neuartige sei, daß es eine Arbeit ist, die mit Klang arbeitet. Daher rührten
auch die anfänglich großen Vorbehalte in der Jury,
weil viele »Klang im öffentlichen Raum« nur
als Belästigung kennen, als emotionalen Weichspüler
im Kaufhaus oder in öffentlichen Verkehrspassagen. Wir haben
uns aber detailliert mit Krüskempers Vorschlag beschäftigt
und dann erkannt, daß wir keineswegs eine belästigende »ambiente
music« - Anlage zu befürchten hatten, sondern innovative
Klangkunst erwarten konnten.
Klangkunst,
sound installation hat sich seit zwanzig und mehr Jahren als
eigene Kunstform, als Hybrid aus Musik und Skulptur entwickelt.
Meist ereignete sie sich auf speziellen Festivals und in experimentellen
Ausstellungen. Mit »AIR
BORNE« haben wir aber eine Klangarbeit, und das ist das
Neuartige, die sich bewußt im öffentlichen Raum ansiedelt.
Wir waren als Jury überzeugt, daß wir dieses Experiment
wagen können, weil erstens die Arbeit extrem vielschichtig
ist, Skulpturales, Literarisches und Geschichtliches in der Klangkunst
miteinander verknüpft, und weil zweitens sie als Komposition
eine ungewöhnliche Zeitdauer, nämlich eine Zeitdauer
von vier Jahren hat.
Zwei wichtige
Leitsätze motivierten
unsere Juryarbeit. Man fühlt sich besonders als Jury für
Kunst im öffentlichen Raum dafür verantwortlich, daß heute
ein Kunstwerk neue Impulse setzen kann und nicht bloß eine
irgendwo und irgendwie im Raum abgeworfene Skulptur ist – das
hat man schon vor fünfzehn Jahren als »dropped sculpture« entlarvt
- und man fühlt sich besonders dafür verantwortlich,
daß im öffentlichen Raum ein Kunstwerk auch für
den regelmäßig vorbeikommenden Betrachter für
eine lange Zeit spannend und anregend bleibt und nicht baldigst übersehen
wird. Alle diese Erwartungen erfüllt unserer Meinung nach »AIR
BORNE« bestens.
Die Arbeit
ist skulptural mit den roten Ellipsoiden. Sie ist gebrauchsfähig, weil die Klangkörper auch als
Ruheplatz genutzt werden können. Die Arbeit strukturiert
den Platz anders als die funktionale Wegeführung und gleichzeitig
nutzt sie auf subtil Weise die Gartengestaltung des Platzes,
weil sie frische farbliche Akzente setzt. Der Klang von »AIR
BORNE« spannt sich wie ein feines Netz über den Platz.
Nur selten dringt der Klang vehement und laut an unser Ohr. Wir
müssen uns schon zu dem einzelnen Klangkörper hinbewegen,
meist sogar zu ihm hinneigen, um den Klang genauer hören
zu können. Nicht aufdringlich wird man hier beschallt, sondern
herangelockt; verführt, sich mit dem Klang eingehender zu
beschäftigen, wenn man Lust hat zu verweilen. Auf den Ellipsoiden
stehen Satzfragmente, die sich poetisch – metaphorisch
auf die Luftfahrt- und Technikgeschichte dieses Platzes beziehen.
Diese Satzfragmente sind so etwas wie ein verschlüsselter
Schlüssel, der uns die mit Geschichte aufgeladenen Klangstücke
genauer eröffnet. Wir haben mit diesen Satzstücken
einen klitzekleinen narrativen Wegweiser, der uns hilft, unsere
Ohren zu öffnen.
Die Komposition
der verschiedenen Tonstücke
beruht auf thematisch ausgewählten Dokumenten aus dem Rundfunkarchiv,
das bis 2000 hier vor Ort war. Die Tondokumente werden durch
eine bestimmte Bearbeitung verfremdet und dadurch fiktionalisiert.
Die zeitliche Struktur der Komposition ist so angelegt, daß die
Abfolge der einzelnen Tonstücke, die aus einem Ellipsoid
ertönen, durch einen Zufallsgenerator erzeugt werden; wie
auch durch Zufallsprozesse gesteuert wird, wo auf dem Platz wann
etwas erklingt. Die Dauer haben Krüskemper und Essl an die
Regelstudienzeit gekoppelt, erst im Zeitraum von vier Jahren
hört man die Komposition in ihrer Gesamtheit.
Da gibt es
gute Chancen, daß Sie sich
immer wieder von dieser Arbeit überraschen lassen können!
Und das wäre der ideale Anstoß, sich mit diesem Kunstwerk
sowie mit der Geschichte dieses Ortes auseinanderzusetzen Daher
wünsche ich diesem vielschichtigen und lange dauernden Werk
eine offene und neugierige Rezeption. |