Stefan Krüskemper
 

Kunst als Kompromiss
Stefan Krüskemper, Patricia Pisani


Fast wäre der Wettbewerb um die Kunst für das neue Oberstufenzentrum Körperpflege und damit ein gesamtes Wettbewerbsverfahren gescheitert. Obwohl in der entscheidenden Jurysitzung händeringend nach einer Lösung und einem Kompromiss gesucht wurde, standen sich Fachjuroren und Nutzer selten unverrückbar gegenüber. Am Ende gaben sich dann doch alle Beteiligten den nötigen Ruck aufeinander zu. Aber ist das Ergebnis noch zum Wohle der Kunst?

Der Wettbewerb
Die Ausgangssituation ist schnell skizziert. In Berlin-Charlottenburg wird Mitte dieses Jahres der Neubau des Oberstufenzentrums Körperpflege fertig gestellt werden. Ein ambitionierter Entwurf der Architekten Farwick und Grote. Der viergeschossige Neubau an der Kreuzung Schiller-/Schlüterstraße wird rund 3000 Schülerinnen und Schülern Platz bieten, die entsprechend ihren Fachgebieten zu Frisören oder Kosmetikern, seltener zu Maskenbildnern oder Zahntechnikern, ausgebildet werden.
Ziel des einstufigen und anonymen Wettbewerbs war es, sich künstlerisch mit der Thematik der Berufsausbildung an dem OSZ Körperpflege auseinanderzusetzen. Üblicherweise sollte von den Künstlern auf das Umfeld und das architektonische Konzept Bezug genommen werden. Im Besonderen sollte der Fokus der Auseinandersetzung auf dem heutigen Körperbild liegen und Begrifflichkeiten wie Schönheit, Jugendwahn oder Vergänglichkeit hinterfragen. Die Hoffnung wurde formuliert, dass durch eine künstlerische Arbeit Prozesse ausgelöst werden könnten, die zur Identitätsstiftung beitragen.

publikation

Erschienen in : kunststadt stadtkunst - Ausgabe 55, Hrsg. Büro für Kunst im Öffenlichen Raum, Berlin 2008.

 

Die Jurysitzung
Am 30.11.2007 sollte eine Entscheidung unter Vorsitz der Künstlerin Tina Schwichtenberg gefunden werden. Bei einem Teil der Anwesenden war die erste Reaktion auf die anonymisierten Arbeiten, dass die Projekte, vielleicht durch die Formulierungen der Auslobung, eher etwas »bieder« ausgefallen waren. Dies ist als ein die Sitzung prägendes Vorzeichen erwähnenswert. Nach Vorstellung der Entwürfe durch die Vorprüfung wurden in einer Bewertungsrunde Stärken und Schwächen der Konzeptionen benannt. Einige Beiträge waren schwer lesbar, da für ihr Verständnis so etwas Grundlegendes wie ein Modell fehlte. In der ersten Abstimmung wurden nur Entwürfe mit mindestens einer Jurystimme in die zweite Diskussionsrunde aufgenommen.

Der Beitrag »Metamorphosen« von Prof. Alfonso Hüppi konnte keine Stimme auf sich vereinigen. Die Unterschiedlichkeit der kleinteiligen Entwurfselemente – Masken für die Stützen des Foyers, Wandteppiche im Obergeschoss und Stelen für den Außenraum – konnten zum einen nicht als eine zusammenhängende Arbeit gesehen werden und wurden zum anderen in ihrer Symbolik als unpassend empfunden.

Andreas Schimanskis Vorschlag »Ein Gesicht für das OSZ Körperpflege« thematisiert in Form einer Spiegelinstallation den Verlust des persönlich geprägten Schönheitsbildes zugunsten eines medialen Stereotyps. Von der Decke hängende, übergroße Handspiegel, mit den Worten »close your eyes« versehen, sollten durch die Verwendung von speziellen Gläsern je nach Lichtverhältnissen transparent oder spiegelnd wirken. Dieser Effekt wurde allerdings unter den realen Raumbedingungen bezweifelt. Auch die Positionierung der Installation im Raum schien als zu starke vertikale Zäsur des Foyers problematisch. So kam auch diese Arbeit trotz ihrer positiv bewerteten Leitidee nicht weiter.

Ebenso wie Susanne Spechts Beitrag, die als einzige Autorin den Innenhof für ihre Arbeit »Blickachse« wählte, eine im guten Sinn klassische Skulptur aus Anröchter Dolomit. Die Künstlerin sieht ihren Solitär durch die Rohheit des Materials und die aus dem orthogonalen Raster gedrehte Positionierung als Kontrast zur Architektur der Schule. Vielleicht konnte durch diese Haltung die Jury keine hinreichenden Korrespondenzen zum Ort und zur Situation entdecken. Die glatte Oberfläche des Bodensteins wurde darüber hinaus als mögliche Rutschgefährdung abgelehnt.

Die zweite Runde
Alle weiterhin im Verfahren verbliebenen Arbeiten wurden noch einmal vertiefend diskutiert und beurteilt.
Die mehrteilige Installation »Narcissus« von Prof. Elfi Fröhlich setzt sich aus einer großen Fotoarbeit mit floralen Narzissenmotiven, kleineren Bildtafeln im Cafe, Spiegelobjekten an den Galeriewänden und einem Brunnenobjekt im Foyer zusammen. Die grundsätzliche Idee einen heutigen Raum mit der mythologischen Erzählung des Narziss zu durchwirken, wurde positiv gesehen. Allerdings schienen die Elemente zu zahlreich und zu illustrativ. Vor allem der Brunnen wurde einhellig als unproportioniert, ja deplaziert empfunden.

Prof. Christin Lahrs Entwurf besteht aus einem Glaskubus aus verschieden reflektierenden und in ihrer Transparenz steuerbaren Schichten, sowie einer Leuchtschrift im Obergeschoss des Foyers. Die Arbeit will als Plädoyer für ein ganzheitliches Körperempfinden verstanden werden. Die Komplexität dieses Beitrags war gleichzeitig Lust und Frust. Als unglücklich wurden die Platzierung des Kubus sowie die übermäßigen Abmessungen im Verhältnis zum umgebenden Raum angesehen. Über die strikte Vorgabe eines nicht realisierbaren Stromanschlusses im Foyer hatte sich die Künstlerin zu ihrem Nachteil hinweggesetzt.

Prof. Thomas Kesseler reichte eine zweiteilige Arbeit mit dem Dürerzitat »Was Schönheit ist, das weiß ich nicht« ein. Bildzitate der Kunstgeschichte überlagerten sich in einer Kollage auf Glas für das Foyer und einer blau-violetten Farbgestaltung direkt auf der Wand für die Schülercafeteria, die auf Le Corbusier Farbreihe basiert und die mit Motiven der Peking Oper und der Commedia del Arte appliziert war. Diese Farbgebung wurde vom Nutzer als dekorativ-atmosphärischer Hintergrund für die zum Beispiel dort stattfindenden Modenschauen begrüßt. Gleichfalls wurde aber die künstlerische Qualität der Bildmotive in der Cafeteria und dem Foyer von den Fachpreisrichtern als zu schwach hinterfragt. Einhellig war die Auffassung, dass beide Teile der Arbeit auch unabhängig voneinander bestehen könnten.

Annette Munks Beitrag »Die Berührung« lädt im wörtlichen Sinn ein sich an Kunst zu reiben. Mehrere bürstenartige Friese ziehen sich in ihrem Entwurf durch das gesamte Foyer und verändern die Sinnlichkeit des Raumvolumens. »Wände werden weicher gemacht und kommen zum Greifen nahe« beschreibt die Künstlerin den Eingriff. Die Bürsten selbst sollen in der Blindenwerkstatt in der Oranienstrasse hergestellt werden. Die Arbeit fand bei den Fachjuroren viel Zustimmung. Die Selbstverständlichkeit mit der sich die Bürsten formal aus der Ziegelbänderung der Fassade in den Foyerraum entwickeln überzeugte ebenso wie die humorvoll Art mit der der Ort und seine Funktion, der »Arbeit am Körper«, thematisiert werden. Selbst für den ungeübten Kunstbetrachter wird die Materialität haptisch erfahrbar sein und ihre Qualitäten entwickeln. Ohne weiteres können metaphorische Bezüge zu Haar, Hygiene, Körper oder kosmetisches Werkzeug hergestellt werden. Seitens der Schule wurde allerdings vor Verschmutzung und Beschädigung aufgrund eines möglichen Unverständnisses der Schüler gewarnt.

Der Konflikt
Was sich in den Gesprächen bereits abgezeichnet hatte, bescherte die Abstimmung. Im Ergebnis standen sich zwei extrem polarisierende Entwürfe gegenüber. Schulleitung und Schülervertretung bildeten eine geschlossene Front für das Konzept der Glasarbeit und der Farbgestaltung von Prof. Thomas Kesseler. Damit nicht genug war die Ablehnung der Arbeit »Die Berührung« rigide und unnachgiebig. Möglicherweise ein Ergebnis einer Meinungsbildung die schon vor Beginn der Sitzung stattgefunden hatte. Aber gerade die Installation der Bürsten war der Favorit der Fachjuroren. Aus künstlerischer Perspektive ist die Qualität dieser Arbeit herausragend. Die Kollage »Was Schönheit ist, das weiß ich nicht« erschien den Fachjuroren unter diesem Blickwinkel als nicht ausreichend.

Allen Beteiligten war zu diesem Zeitpunkt klar, dass wenn es zur entscheidenden Abstimmung käme, die Fachjuroren die Schulvertreter übergehen könnten. Um das zunächst zu vermeiden bemühten sich beide Seiten ausdauernd aber ohne nennenswerten Erfolg die Vorteile und Qualitäten ihres Favoriten hervorzuheben. Hier kommt ein Verfahren dass im demokratischen Miteinander von den unterschiedlichsten Kompetenzen – zum Beispiel die der Fachjuroren – profitiert an seine Grenzen. Im Verlauf der Sitzung wurde offen über das mögliche Scheitern des Verfahrens gesprochen Allerdings würde der Wettbewerb aus Zeitgründen kein zweites Mal ausgeschrieben werden können.

Also gegen die Nutzer entscheiden. Schließlich sollte gerade eine zum Gemeinwohl mit Steuergeldern finanzierte Realisierung von Kunst oder Architektur eine Qualität und Zeitgenossenschaft vorweisen, die Vorbildcharakter hat. Ganz allgemein gesagt: Nutzer sind keine persönlichen Besitzer von Kunst und sollten sich entsprechend nicht mit individuellen Vorlieben einbringen. Allerdings sollten sie die Reibung an guter Kunst genauso wie die Momente direkter Begeisterung als Qualität einer das Leben erweiternden Fülle wahrnehmen.

Es lässt sich natürlich nichts erzwingen. Da wo Kunst in öffentlichen Räumen und Gebäuden abgelehnt wird, verwahrlost sie und wird unsichtbar, wird Ziel von Vandalismus durch Nachlässigkeit. Kunst außerhalb des white cube benötigt eine dauerhafte Zuwendung und eine wiederkehrende Vermittelung. Das setzt ein nachhaltiges Wohlwollen ihr gegenüber voraus.

Insofern ist der zum späten Ende formulierte Kompromiss ein guter, selbst wenn er mit gehörigem Zähneknirschen und einer Gegenstimme zustande kam. Die Beharrlichkeit mit der einige Beteiligte diesen Kompromiss vorangetrieben hatten, ist sicherlich eines der positiven Besonderheiten dieses Verfahrens gewesen. Als ein Angebot an die Künstler sah die errungene Lösung vor, zwei Arbeiten in reduzierten Umfang zu realisieren. Beide Autoren stimmten mittlerweile dieser Lösung zu. Der Beitrag »Die Berührung« von Annette Munks wird an nur einer Wand des Foyers realisiert werden. Eine Reduktion, die dem Entwurf keinesfalls schadet. Prof. Thomas Kesseler kann den Teil seiner Farbarbeit, der für die Cafeteria vorgesehen ist verwirklichen. Ihm wurde allerdings die Überarbeitung der figürlichen Malereien ans Herz gelegt.

 

© 2000—2010 bei VG Bild-Kunst Bonn für die Werke von Stefan Krüskemper und bei den jeweiligen Künstlern und Autoren

 
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