The Matrix has you
Stefan Krüskemper
»Man muß sich
in der Mentalität aus der Arbeitsgesellschaft als einziger
Form der Gesellschaft zurückziehen: Das nenne ich den Exodus.
Der erste Akt jeder politischen Veränderung, jeder gesellschaftlichen
Umwälzung, ist eine kulturelle Veränderung. Die erste
Aufgabe ist die Entwicklung der Subjektivität: Die Herstellung
neuer Formen der Geselligkeit, die weder auf den Warentausch
noch auf den Verkauf der Arbeitskraft gegründet sind.« 1
Massenintellektuelle:
Netzwesen die in Städten
umherschweifen um flüchtige Verbindungen einzugehen – eine
Arbeitsgruppe, ein Job, ein neues Projekt. Anzubieten haben sie
eines, ihre Subjektivität. Ihre Haltung und ihre Fähigkeit
zur Kommunikation. Flexibel unterbieten sie im Gespräch
den Preis der KonkurrentInnen oder drücken den ihrer KooperationspartnerInnen
um ihre Idee zu realisieren. Das Produkt ist die (Um-) Wertung
einer gesellschaftlichen Relation und der Preis, den sie bezahlen,
ist die Erosion ihrer persönlichen Lebensbereiche durch
die Totalität der Arbeit und die Monetarisierung Ihrer Beziehungen.
Zerrissen von der Erschöpfung ihrer selbstausbeuterischen
Unternehmung und der Euphorie der neuen Arbeitsgruppe folgen
sie ihrem calling in die sich konturierende Matrix der postfordistischen »Kommunikationsökonomie«.
Immaterielle
Arbeit in der Kommunikationsökonomie
Diese Matrix autonomer Subjekte
fordert eine völlig andere Lebensweise als die auf »Vollerwerb« begründete
industrielle Existenz mit ihren Dichotomien aus Arbeit – Freizeit
und Produktion – Konsumption. Denn zentrales Tool der immateriellen
Arbeit des Massenintellektuellen ist die Ausdehnung der produktiven
Kooperation und damit der Reproduktion der Kommunikation. Mehr
noch: beginnt der Produktionsprozess der Kommunikation unmittelbar
zum Verwertungsprozess zu werden, so daß die einst passiven
KonsumentInnen vom ersten Moment an in die Ökonomie der
Matrix einbezogen sind. Maurizio Lazzerato 2 schreibt: »Im
Gegenteil wird der Konsumptionsakt produktiv, insofern er notwendige
Bedingung neuer Produkte ist. Konsumption ist infolgedessen vor
allem Konsumption von Informationen. Sie ist nicht länger
blosse Realisierung eines Produkts, sondern der reale gesellschaftliche
Prozess im eigentlichen Sinn, der für den Augenblick als
Kommunikation definiert ist.« Das Bewerten und sich Informieren
der Konsumenten genauso wie das Position beziehen und das Veröffentlichen
der Produzenten sind die Bindungen innerhalb der Matrix, die
diesen gesellschaftlichen Prozess, gleich einer in die Gesellschaft
eingeschriebenen Fabrik, etablieren.
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Erschienen in : log.buch
- netz/kunst/werke, Verlag für moderne Kunst,
Nürnberg 2001.
ISBN 3-933096-40-5
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Das Produkt immaterieller Arbeit
ist die »Message« und
ihre diskursive Positionierung in der Matrix. Eine solche öffentliche
Relation als Prozess wird dann existent und produktiv, wenn sie
Aufmerksamkeit gefunden hat. So beschreibt Michael Goldhaber 3
im Internetmagazin Telepolis die knappe Ressource der Aufmerksamkeit
als eine neue und eigenständige ökonomische Form. Die
Positionierung einer gesellschaftlichen Relation benötigt
in der Kommunikationsökonomie einen Informationsträger,
der die immateriellen Produkte kapitalistisch vermarktbar und verwertbar
macht. Aber: Wie bestimmt sich der Wert einer Ware, wenn das materielle
Medium in den Hintergrund tritt und sich der Grad der Autonomie
einer Tätigkeit, und damit der Subjektivität der ProduzentInnen, über
diesen Hintergrund definiert.
Der Wert der Arbeit im Akt der Konsumption
Martin Burckhardt, Audiokünstler
und Medientheoretiker, nannte seine (Mehr-)Werttheorie im Interview
4 »Psychologistik«. Früher war der Artefakt
selbst selten, der kunstvolle Tisch, der besondere Stuhl. Diese
Seltenheit und die Logistik des Transports von A nach B bestimmten
seinen Wert. In der Zeit der mechanisch reproduzierbaren Artefakte
ist die Seltenheit in den Akt der Konsumption übergegangen. »Weil
ich es erlebe!« bekommt etwas seinen Wert. Immaterielle
Arbeit wird durch den Akt der Konsumption der Aufmerksam-gewordenen
valorisiert.
Das digitale
Prinzip der »Psychologistik« in
der Kommunikationsökonomie spüren paradigmatisch die
Teleexistenzen des Wirtschaftsraums Internet, denn dort ist die
Verlagerung von der industriellen Produktion zur kulturellen
Projektion, die Waren nunmehr im »Kopf« von A nach
B schafft, vollzogen. Durch den Download, das verschieben einer
Ware in real time und durch die psychologischen Gesetzen folgende
Perzeption, erhält die damit verbundene Arbeit ihren Wert.
Die Kategorien Passivität und Aktivität weichen im
Internet einem allgemeinen Produktionsprozess der Kommunikation.
Der »Wertproduzent« informiert sich entspannt zu
hause am PC, um daraufhin als »Warenproduzent« öffentlich
Position zu beziehen.
Die Bewertung
ist in der Gesamtheit an die Masse übergegangen. Konkrete ökonomische Ansätze
dieser neuen Form der Wertschöpfung finden sich im Internet
in Form der beenz - Währung. 5 Das Interesse der KonsumentInnen
an einer Website wird quantifiziert und bewertet. Sein/ihr Verhalten,
das Verweilen und Klicken, eben die Aufmerksamkeit, wandelt sich
zu einem Kontowert in beenz, der in diesem System an anderer
Stelle, besser: anderer url, wieder ausgegeben werden kann. Ein
ungelenker und konstruierter Versuch ein Konsumptionsentgelt
zu etablieren (und Werbekulis loszuwerden). Die Teilnahme an
dem sozialen Prozess der Kommunikation kann nicht wirklich kommerziell
quantifiziert werden, da es sich eben um einen kulturellen Projektionsprozess
handelt, der allgemeinen gesellschaftlichen Wert produziert.
Relation.
Nach der industriellen Produktion:
die kulturelle Projektion
Ein Beispiel einer Unternehmung,
dessen Werte schon Konzepte, Ideen und Bilder sind, zitiert Jeremy
Rifkin. »In der neuen Wirtschaft will jedes Unternehmen
wie Nike sein. Diese Firma hat keine eigenen Werke und wenig
materielle Wirtschaftsgüter. Ihre Schuhe werden von anonymen
Subunternehmern in Südostasien gefertigt. Nike ist ein Designstudio
mit einem starken Markennamen und einem leistungsfähigen
Marketing- und Vertriebsnetz. Das Unternehmen verkauft zwar noch
Schuhe auf traditionellen Märkten, organisiert seine internen
Geschäftsprozesse aber über b2b-netzwerke (business-to-business
gliedert ganze Prozessketten aus, Anm. des Verf.) mit Lieferanten
rund um die Welt. Nikes eigentliches Kapital ist das Image, mit
dem es die Schuhe umgibt. Wenn ein Kind mehr als 200.- DM für
Nike-Schuhe ausgibt, zahlt es in Wirklichkeit dafür die
Nike-Story zu erleben«. 6
Wenn das Produkt
einer Unternehmung zur kulturellen Projektion wird, liegt es
nahe: Kultur und Wirtschaft, Medien und Politik mit dem Selbstunternehmen
Kunst in Verbindung zu bringen. Je mehr sich die alte Erwerbsarbeit
den kulturellen Produktionsmechanismen immaterieller Arbeit
annähert, desto
schärfer bildet sich das strukturale Defizit der »human
ressource« in noch hierarchischen Firmenstrukturen ab.
Und so mehren sich die Beiträge, die den Künstler und
die Künstlerin als klassischen Typus des immateriellen Produzenten
ausmachen und sie als Vorreiter des flexiblen und kreativen Netzwesens,
das seine Vermarktung und finanzielle Situation selbst regelt,
stilisieren. Denn »Dieses dem heutigen Bewusstsein noch
sehr ungewohnte Handeln (...) ist vorgebildet im künstlerischen
Prozess. Im künstlerischen Handeln kann man daher urbildhaft
genau die Vorgehensweise finden, die heute in Wirtschaft und
Arbeitswelt mehr und mehr verlangt wird. In diesem Sinne werden
dort überall Arbeiten und wirtschaftliches Handeln zur Kunst.
Der kundenorientierte Verkäufer ist, so gesehen, ebenso
ein Künstler, wie der Manager oder Vorgesetzte zum Künstler
werden muß (...). Von ihnen allen wird künstlerisches
Handeln verlangt.« formulierte der Soziologe Michael Brater7
. Die Drohung der Beuysschen Verheissung – Alles wird Kunst?
Die Simulation des Lebens in der Kunst
Existenzangst, Verinnerlichung
des kapitalistischen Leistungsdenkens und Illoyalität im
sozialen Verhalten sind die heutigen Erscheinungen und Stressfaktoren
8 der Selbstunternehmung im Kunstkontext. Gelingt einigen die
inhaltliche und finanzielle Verwirklichung ihrer individualisierten
Arbeit, bleiben die meisten in prekären Beschäftigungsverhältnissen
stecken. The winner takes it all. Fatal: steigt die Anzahl schlecht
bezahlter Überlebens-Jobs und die Notwendigkeit persönlicher
Absicherungen durch die Deregulierungen der Sozialverträge.
9 Die, die nicht aufgeben stellen beizeiten verblüfft fest,
dass ihr Leben´ zur Simulation geworden ist, in der Aspekte
wie Freundschaft und Familie nunmehr dem Aufrechterhalt eines ökonomisch
formulierten Status quo dienen: der Gleichschaltung ihrer Subjektivität
mit den Anforderungen des Produktionsprozess und seiner unmittelbaren
(reiz-)ökonomischen Verwertbarkeit. Dann doch lieber Kunst´ im
Leben simulieren?
Thomas Röbke der am Nürnberger
Institut für soziale und kulturelle Arbeit tätig ist
fordert in »Kunst und Arbeit« von der Politik den
Ausbau eines Netzwerkes zwischen den Fakultäten. Ohne die
Stabilisierung von Netzwerkknoten durch eine gewisse Verbindlichkeit
lasse sich die Selbstorganisation von Kunst nicht mehr aufrechterhalten
und der harte Wettstreit konkurrierender Subjekte und Arbeitsgruppen
nicht entschärfen. Seine Idee: Kunstmuseen sollen zur Kontaktbörse
werden und Praktikumsplätze für Künstler in lokalen
Wirtschaftsunternehmungen vermitteln. Ziel ist die Schaffung
neuer Tätigkeitsfelder für Künstler und ein Kompetenz-
und Kreativitätsaustausch. 10
Der Gefahr
einer alles erfassenden Ökonomisierung,
der Simulation von Kunst´ oder Leben´, entgehen Michael
Brater und einige andere Soziologen durch die Forderung nach
einem bedingungslosen Existenzgeld für die Teilnahme am
sozialen Kommunikationsprozess. Konsumptionsentgelt für
Jeden. Konkret schlägt Gorz einen Betrag von 1500.- DM vor,
der durch bezahlte Arbeit allerdings aufgestockt werden kann.
Es gibt kein Richtig im Falschen
Immaterielle Arbeit wird über
das Abstraktum Geld ausgebeutet und reproduziert das Kapitalverhältnis
und damit die bestehende Struktur des flexiblen Kapitalismus.
The matrix has you. Konkret beschrieb dies Walter Schütz
von mannesmann-pilotentwicklung, der immer wieder auch Künstler
und Künstlerinnen für den dringend benötigten
Kreativ-Input in das Unternehmen einlädt, »wer bei
uns als freier Mitarbeiter sein Know-how eingebracht hat, ist
nach dem Projekt – für das wir ihn einstellten – wirklich
aufgebraucht, er hat seine Kompetenz und Energie bei uns gelassen.
Er benötigt danach eine Phase der Erholung und der Weiterbildung,
um auf dem Arbeitsmarkt wieder interessant zu sein.« 11
Nicht immer
drückt sich diese Erkenntnis
in einem entsprechenden Honorar wie bei mannesmann-pilotentwicklung
aus. Wenn dein Subjekt abgeschöpft ist, konstruiere dir
eine neue Identität und bringe sie wieder in die Produktion
ein, lautet allgemeiner der markige Slogan. Der Sozialphilosoph
und Politökonom Robert Kurz beschreibt die heutige Totalität
der Umwandlung menschlicher Arbeit in Energie für die Geldwirtschaft
als »Selbstverbrennung«. Der Funktionszusammenhang,
den das Abstraktum Geld mit der Arbeit eingeht, ist herausgelöst
aus sozialen Lebensbedingungen: eine Verbrennungsmaschine, die
Lebendiges auf Totes reduziert und allenfalls Simulationen von
Lebendigem zurückläßt. Wir werden diese Arbeit
nicht los ohne das Geld loszuwerden! Anders formuliert ist die
Trennung von Geld und Arbeit, milder: die Forderung nach einem
bedingungslosem Existenzgeld, eine emanzipatorische Möglichkeit
des antagonistischen Subjekts in der Matrix der Kommunikationsökonomie.
Subversive
Strategien: Produktiver Müssiggang und neue Formen der
Geselligkeit
In den Grundrissen von Marx findet
sich der Begriff des allgemeinen Wissens einer Gesellschaft,
des général intellect. Andre Gorz schreibt dazu: »In
Zeiten des Internet, der Kybernetik und Informatik, der Vernetzung
alles Wissens, wird vollends sichtbar, daß die Arbeitszeit
nicht mehr als Maß der Arbeit, und die Arbeit nicht als
Maß des produzierten Reichtums dienen kann, weil die unmittelbare
Arbeit zum großen Teil nur noch die materielle Fortsetzung
einer immateriellen, intellektuellen Arbeit, der Reflexion, der
Verständigung, des Austauschs von Informationen, der Verbreitung
von Wissen, kurz, des général intellect, ist. (...)
Man muß also Orte zum Leben fordern, um tätig zu werden
und sich auszutauschen, wo die Leute sowohl Geselligkeit als
auch materiellen und immateriellen Reichtum produzieren können.« 12
Immaterielle
Arbeit konstituiert aus sich heraus unmittelbar kollektive
Formen und soziale Kooperationen, die trotz Unterordnung der »ideologischen« Ware unter
die Logik kapitalistischer Verwertung das Potential der Selbstorganisation
nicht verlieren. 13 Zum anderen: der Inhalt einer gesellschaftlichen
Relation verliert seine spezifischen Eigenheit auch als Ware
nicht. Die beschriebene Matrix immaterieller Arbeit wird aber
da autonom, wo sie sich von kapitalistischen Verwertungsformen
nicht vereinnahmen und repräsentieren lässt. Arbeit
zum produktiven Müßiggang wird und: die Verwertungsmechanismen
reflektiert und beschreibt.
Dennoch. Die
Verweigerung der Abstrakten Verbindung Geld und Arbeit ist
dringlich, um neue Formen der Subjektivität würdevoll leben zu können. Verbindliche
Formen der Geselligkeit und Orte zum Leben, in denen der Erwerb
nicht kapitalisierbarer Fähigkeiten und ein produktiver
Müßiggang die Quelle der eigentlichen Produktivität – des
gesellschaftlichen Kommunikationsprozesses – ist, finden
sich Ansatzweise in politischen Bewegungen, in sozial engagierten
Initiativen oder in wenigen künstlerischen Gemeinschaftsprojekten.
Existenzsicherung in Form eines Konsumptionsentgelts, dessen
Forderung sich aus den beschriebenen kulturellen Veränderungen
ableitet, oder der Schutz eines gruppeninternen Punkte-systems,
wie sie einige autonome Kommunen für sich entwickelt haben,
sind pragmatische (Zukunfts-) Strategien, um sich der »Selbstverbrennung« zu
entziehen. Um wieder zu Arbeiten'.
01 Interview mit André Gorz: »Aktuelles
Elend, möglicher Reichtum«
02 Maurizio Lazzarato: »Immaterielle Arbeit«
03 Telepolis, Michael Goldhaber: »Aufmerksamkeitsökonomie«
04 Projektteil mit Martin Burckhardt: »Immaterielle Produktion«
05 Telepolis: »beenz«
06 Jeremy Rifkin: »Klick den Markt weg«
07 Michael Brater: »Künstlerische Praktiken im Arbeitsprozeß«
08 Projektteil mit Stephan Kurr: »Selbstausbeutung verweigern«
09 WZB Berlin: »Arbeitsmärkte für Publizisten
und Künstler«
10 Thomas Röbke: »Arbeit und Kunst«
11 Projektteil bei Artcircolo und Büro Orange: »postersession«
12 Interview mit André Gorz: »Aktuelles Elend, möglicher
Reichtum«
13 Projektteil mit Claudia Klinger, Ralf Ebbinghaus: »Teleexistenz« |