Kunst vor Ort
Helga de la Motte-Haber
Kunst im öffentlichen
Raum, sei es ein schön geschmückter Brunnen oder ein
majestätisches Reiterstandbild, prägt schon seit Jahrhunderten
Stadtlandschaften. Auch Kunst als öffentlich gestalteter
Raum, so zum Beispiel die Gartenarchitektur, kann auf eine lange
Tradition zurückblicken.
Seit einigen
Jahrzehnten haben jedoch Durchgangsorte, Plätze, die zum Überqueren gedacht sind, das Interesse
von Künstlern auf sich gezogen. Environments und Installationen,
die zum Verweilen einladen, verleihen ihnen den Charakter von
Kunst als öffentlichem Raum. Sie überformen einen Ort,
sind jedoch nicht beliebig hinzugefügt, sondern spezifisch
auf ihre Umgebung bezogen. Der Ort selbst wird Teil der künstlerischen
Gestaltung. Herkömmliche ästhetische Kategorien gewinnen
dadurch eine neue Dimension, weil sie nicht mehr einem autonomen
künstlerischen Objekt zugeschrieben werden können.
Was als authentisch erfahren wird, ist in eine umfassende Interpretation
der räumlichen Disposition eingebettet. Bilder können
von einem Museum an ein anderes verliehen werden, Musik kann
in verschiedenen Sälen gespielt werden. Ortsspezifische
Kunst hingegen ist einmalig an ein Hier der Erfahrung des Rezipienten
gebunde.
Oft handelt
es sich um multisensorische Setzungen, so etwa, wenn eine visuelle
Gestaltung mit Hörereignissen
verbunden wird. Denn mit Klängen lassen sich Atmosphären
emotional verdichten. Das Auge distanziert, es erlaubt den eigenen
Standort abzuschätzen; die »Eindringlichkeit« des
Ohres hingegen intensiviert die partizipatorischen Prozesse des
Besuchers. Ortsspezifische Installationen thematisieren stärker
als traditionelle Kunst die Wahrnehmung des Rezipienten.
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Erschienen in: Air Borne, verlag
für integrative kunst, Berlin 2006.
ISBN-10: 3-00-018996-3
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Um einem Ort
gerecht zu werden, der einmal entscheidend von seiner Geräuschkulisse geprägt wurde,
spielte die Idee, mit Klang zu arbeiten, für den von der
Architektur herkommenden Künstler Stefan Krüskemper
eine große Rolle. Für die Neukonzeption der Wiesenfläche
des Aerodynamischen Parks in Berlin-Adlershof – dem Gelände,
auf dem 1909 der erste Motorflughafen Deutschlands eröffnet
wurde – lud Krüskemper den Wiener Komponisten Karlheinz
Essl ein, erprobt in allen musikalischen Gattungen, auch elektroakustischer
Musik und Klanginstallation, und entwickelte in der Zusammenarbeit
mit ihm eine Lösung, bei der visuelle und akustische Komponenten
eng miteinander verbunden werden.
Die 15 roten
ellipsenförmigen und 60
Zentimeter hohen Gebilde, die wie Markierungen über die
Fläche verteilt sind, wirken geheimnisvoll abstrakt und
schaffen Aufmerksamkeit für die umgebenden Baudenkmale der
Luftfahrt wie auch für die Gebäude, die im Lauf der
Zeit neu hinzukamen. Sind es Boviste, die aus der Wiese sprießen
und anstelle von Samenstaub Klang in ihre Umgebung zerstäuben?
Oder sind es Flugkörper von Außerirdischen, die in
ihrem Inneren flüstern? Funktional gesehen handelt es sich
um stabile Lautsprechergehäuse, die den roten Kugellautsprechern
der französischen akusmatischen Musik verwandt sind. Sie
verweisen nicht nur auf die Bauwerke des Ortes; sie laden durch
eingravierte doppelsinnige Texte zum Verweilen ein, die sich
einerseits auf verschiedene Aspekte der Luftfahrt beziehen und
andererseits zur Reflexion des eigenen Selbst auffordern: »Im
Fluge sein. Mut wie Luft.« Diese Inschriften schweben jeweils
wie ein Motto über den Klängen, bearbeiteten historischen
Aufnahmen des Deutschen Rundfunkarchivs, die aus ihrem Inneren
dringen. In den oft langen Pausen zwischen den Klängen werden
die heutigen Geräusche des Platzes zum Sprechen gebracht.
Mehr als bei
anderen Klanginstallationen handelt es sich hier um einen Umgang
mit Klang und Zeit, der im Sinne des erweiterten Kompositionsbegriffs,
den das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, den schwierigen
Balanceakt zwischen strenger Konstruktion und überraschendem Zufall wagt. Die Granularsynthese,
der das Archivmaterial unterworfen wird, das heißt die
Zerstückelung eines Klangs in ein Granulat, dessen »Körner« sich
durch Zufallsoperationen neu mischen, zeigt jene Kontrolle über
das Unkontrollierbare, die einerseits größtmögliche
Homogenität des Klanggeschehens (alles aus einer Quelle)
bei andererseits maximaler Variabilität (unendlich viele
Permutationen) bewirkt. Zusätzlich wurden die komplizierten
Zufallsprozesse in der Software von Karlheinz Essl so programmiert,
dass fließende, musikalische Übergange entstehen können.
Wer sich »luftgetragen« und lustgetragen
durch diese Installation bewegt, wird in eine Szenerie versetzt
und zum Mitspieler erhoben. Da die Textgravuren halbkreisförmig
auf den roten Ellipsoiden angebracht sind, muss man um diese
herumwandern, um sie zu lesen. Bis zu einem Abstand von wenigen
Metern erinnert der Klang an das jeweilige Motto. Wenn die Lautsprecherklänge
pausieren, findet eine Art Verwandlung statt: Man wird auf Höhe
der akustischen Atmosphäre des Realraums erhoben.
Mögen auch die Wege durch die Gruppierung
der Ellipsoide wie durch Meilensteine markiert sein, so sind
sie doch individuell wählbar – und mit ihnen der Bedeutungsraum,
den man sich aneignen kann. Die 15 gravierten Texte lassen sich
in drei mal fünf Stationen einteilen: Flug – Höhe – Mut
/ Boden – Erde – zerbrechen / Strömung und Druck – nachgeben – nicht
nachgeben. Der Besucher schafft im Umhergehen, Übergehen
und Verweilen seine je eigene Geschichte, auch wenn ihn ab und
an ein kurzes lautes Signal inmitten der meist leise flüsternden
und sprechenden roten Körper aus seinen Gedanken reißt.
Kunst vor Ort
besitzt keinen institutionellen Rahmen, wie er für die traditionelle Kunst durch Museen
und Konzertsäle gegeben ist. Wer zufällig in ein solches
Environment gerät, wird kommunikativ einbezogen, ohne genau
zu wissen, in welchen Bedeutungsraum er eingetreten ist. Es ist
sehr selten, dass die zwangsläufig ausgelösten Orientierungsreaktionen
des Besuchers von den Künstlern mitbedacht werden. Anders
bei AIR BORNE, wo die Vermittlung an das Publikum von vornherein
durch eine Publikation und eine Website, die das Projekt begleiten,
eingeplant wurde. Ein Rahmen wurde damit geschaffen, der es ermöglicht,
den unmittelbaren emotionalen Eindruck der Installation durch
kognitives Wissen zu erweitern. |