Stefan Krüskemper
 

Heute ist ein schöner Tag für Erwerbslose
Jörg Amonat, Anne Eberle, Stefan Krüskemper

buero für integrative kunst: Anne, du bist erwerbslos und arbeitest in gewerkschaftlichen Erwerbsloseninitiativen mit. Sind die Erwerbslosen die heutige »Avantgarde der Arbeit«, da sie vorleben, was vielen Menschen noch bevorsteht oder träumen die meisten immer noch in Wirtschaftswunderbildern des normalen Arbeitsverhältnisses?

Anne Eberle: Ich finde den Begriff Avantgarde nicht treffend. Wir sind in vielen Dingen des Lebens sicher VorreiterInnen, denn wir müssen über ein anderes Leben nachdenken und uns überlegen, wie wir die Zeit für uns nutzen. Wir unterliegen nicht mehr den Verwertungsbedingungen des Kapitals oder mit anderen Worten, unsere lebendige Arbeit wurde freigesetzt. Sicherlich könnte das Nachdenken über gesellschaftliche Zustände und die Diskussionen über ein anders Leben besser gelingen, wenn nicht täglich von Politikern, Parteien, den Wirtschaftsverbänden und – wider besseres Wissen von Wissenschaftlern – die Lohnarbeit als zentrales Element des Lebens propagiert würde. Sie vernebeln unsere Köpfe, denn »den Überflüssigen« wird zugleich unterstellt, dass sie selbst schuld sind. Armut und Arbeitslosigkeit werden nicht als ökonomisch bedingt gesehen. Die Ökonomisierung des Sozialen steht im Vordergrund. Die Freisetzung von der Lohnarbeit sollte doch ein Sieg über die Lohnarbeit sein. Erwerbsarbeit befreit nicht, sie macht die Menschen psychisch und physisch krank, aber sie ist die einzige Form, die Menschen materiell besser überleben lässt. den Kopf davon zu befreien, dass die gesellschaftliche und individuelle Anerkennung nur über Lohnarbeit läuft, ist notwendig, denn bei der vorherrschenden Stellung der Lohnarbeit kommt der Anspruch auf das Leben zu kurz.

buero: Ein Beispiel für deine Tätigkeit war die Organisation eines Workshops in Düsseldorf zu dem du Künstler und Erwerbslose an einen Tisch zusammen brachtest. Du hast für dich eine Form der Arbeit jenseits der Kategorien von Erwerb und Freizeit gefunden. Worin liegt für dich die Qualität deiner momentanen Tätigkeitsform?

publikation

Publiziert in: booklet »WildCards« als Teil der Ausstellung »Science Fiction« 2003 - 2005

 

Eberle: Abgesehen davon, dass ein Grossteil meiner Zeit mit der Organisierung des Überlebens nach Arbeitsamtsregeln, wie der permanenten Verfügbarkeit nach gesetzlichen Vorschriften bestimmt ist, habe ich doch vor allem eines: Zeit! Nicht acht Stunden malochen zu müssen, Zeit zur Regeneration und zum Abschalten, Zeit für mich, die ich frei einteilen kann. Zeit für Ziele, die mein Leben lebenswert machen. Natürlich schrumpft viel Freiraum durch einen gesunden Eifer bei dieser Tätigkeit der Organisation des Anderen, aber das »Dagegenstehen« ist schön. Es ist eben keine Lohnarbeit!

buero: Was verhindert deiner Meinung nach, dass Menschen sich durch Selbstbeauftragung eigene Arbeitsfelder suchen?

Eberle: »Ja, aber was soll man denn machen.« – Jeder kennt diesen Spruch. Wichtig ist bei der Wahrnehmung solcher Ansichten, dass erkannt wird, dass dieses »aber« ein deutlicher Hinweis auf eine tiefer liegende Erkenntnis ist. »Irgendwie« wissen diese Menschen, dass sie sich falsch verhalten, arbeiten, leben, dass die Verhältnisse sie pressen. Sie haben aber keine Alternative, keine Gesprächspartner, Niemanden der einen Weg aus dem Dilemma weiß.
Es ist der ökonomische Zwang, der die Leute dazu führt gegen das zu handeln, was sie eigentlich besser wissen: Einige Menschen fahren Auto, nicht weil sie Autofans sind, sondern weil sie sonst keine Arbeit und kein Einkommen mehr hätten, sie verfeuern Kohle oder Erdöl, weil sie nicht wie der Grüne-Mittelstands-Lehrer-Eigenheimbesitzer sich eine Photovoltaikanlage mit Kraft-Wärme-Koppler in ihr Häuschen einbauen lassen können.
Es ist nun einmal so: die Herrschenden Verhältnisse prägen das vorherrschende Bewusstsein. Keine leichte Sache, das »Dagegenstehen«.

buero: Es gibt ja diesen Begriff des »General Intellect«, das (soziale) Wissen einer Gesellschaft im Gegensatz zum individuellen Wissen. Hast du das Gefühl an diesem gesellschaftlichen Wissen mitzuarbeiten?

Eberle: »General Intellect« – ein schwieriger Begriff. Sicher, es ist, so glaube ich fest, sogar viel mehr da als Wahrgenommen wird. Aber vieles ist verschüttet, verdrängt, überlagert, ja pervertiert oder wird unter falschen Prämissen gegenteilig ausgenutzt.
Was nun den Einfluss meiner/unserer Gedanken auf die Gesellschaft betrifft und welche Wege sie gehen, da bin ich doch etwas unsicher. Eine eindeutige Antwort kann es da nicht geben. Wir haben zu viele Ghettos in dieser Gesellschaft. zum Beispiel das der Arbeitsplatzbesitzer (gerade in den Gewerkschaften), das der Erwerbslosen und auch die Künstler geben sich gerne Grenzen. Diese Grenzen aufzuweichen, zu überwinden und gemeinsam aktiv zu werden, wäre eine schöne Perspektive.

buero: Ist nicht der Wunsch, eine Gesellschaft zu verändern, utopisch? Oder anders gefragt, liegt nicht auch in einer konsequenten »Ghettoisierung«, die dir z.b. die Möglichkeit gibt einigen Verwertungsmechanismen fern zu bleiben, eine Chance? Es existieren verschiedene Welten und jede ist in sich eine funktionierende Zelle, interagierend mit anderen Zellen.

Eberle: Der Wunsch, eine Gesellschaft zu verändern, ist nicht utopisch, er hat eine lange Geschichte, viele Erfolge und er bleibt. Eine konsequente Ghettoisierung wäre keine Chance, sondern das Gegenteil von interagierenden Zellen, es wäre ein Rückzug, der Anderes an vielen Stellen ausblendet.
Darin sehe ich eine Möglichkeit: das Aufbrechen der Grenzen, von Anschauungen, von Milieus und im voneinander und miteinander Lernen und Leben.

Das Interview mit Anne Eberle führte 2003 das buero für integrative kunst, Jörg Amonat und Stefan Krüskemper.

 

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