Stefan Krüskemper
 

Mit Sprachsinn und Raumverstand - Kunstwettbewerb Universitätsklinikum Dresden
Stefan Krüskemper


Aktuell entsteht in Dresden auf dem kontinuierlich wachsenden Campus des Universitätsklinikums »Carl Gustav Carus« das Diagnostisch-, Internistisch-, Neurologische Zentrum, kurz »DINZ« genannt, in Form eines substanziellen Umbaus im denkmalgeschützten Bestand (Haus 19) und eines 170 Meter Länge messenden Neubaus (Haus 27). In beiden Gebäuden werden Institute der Forschung und Klinikbereiche unterschiedlicher Fachrichtungen interdisziplinär verbunden. Der Namensgeber des Campus, Carl Gustav Carus, Arzt, Maler und Naturphilosoph, gehörte zur Generation der Romantiker. Als Erweiterung der sich allein auf naturwissenschaftliche Fakten stützenden Medizin eines Virchow, bezog Carus das Geistige des Menschen in seine Arbeit mit ein. Insofern wird er heute auch als Vorläufer der »ganzheitlichen Medizin« gesehen.

Jurysitzungen
Aufgrund der Gespräche, die während der Vorbereitungen des vom Freistaat Sachsen ausgeschriebenen Wettbewerbs stattfanden, wurden analog der Bauaufgabe zwei Kunstwettbewerbe für jeweils ein Gebäude ausgelobt. Zur Bearbeitung wurden für das Haus 19 der Vorplatz, das zentrale Treppenhaus und das Foyer des Hörsaals festgeschrieben. Im Haus 27 stand den Künstlern die so genannte Erschließungsmagistrale mit den zugehörigen Treppenhäusern zur Verfügung. Ebenso wurde festgelegt, dass die Entwürfe von den Künstlern persönlich präsentiert werden sollen. Die Preisgerichtssitzungen fanden in Dresden am 8. Januar 2009 unter dem Vorsitz von Jo Schöpfer und am 9. Januar 2009 unter dem Vorsitz von Stefan Krüskemper, beide als Vertreter des Deutschen Künstlerbunds, statt.

publikation

Erschienen in : kunststadt stadtkunst - Ausgabe 56, Hrsg. Büro für Kunst im Öffentlichen Raum, Berlin 2009.

 

Haus 19
Ursula Sax stellte ihren Entwurf zusammen mit dem Architekten Rocco Burggraf vor, der besonders den städtebaulichen Aspekt des Ansatzes herausstellte. Drei Farbschilder sind parallel zum Gebäude in den Farben rot, gelb und blau exponiert auf den Vorplatz gesetzt. Die Ausformung des Eingangsbereiches zu einem den Straßenraum mit einbeziehenden urbanen Platz verstand das Duo als Anregung. In der späteren Diskussion wurden die Ausmaße der Schilder (6 Meter) vor den Fenstern des Gebäudes als für stationäre Patienten problematisch empfunden.

Der Entwurf des Dresdener Künstlers Sebastian Hempel bezieht sich auf das zentrale Treppenhaus. An den Außenwangen der Treppen sind auf ganzer Länge flache Leuchtkästen aufgesetzt, sodass im Treppenauge eine schraubenartig aufsteigende Figur entsteht. Als Material für die Leuchtkästen ist ein Kunststoff geplant, der je nach Blickwinkel eine andere Farbnuance annimmt. Der Effekt wurde anhand einer Materialprobe demonstriert, überzeugte aber nicht alle Jurymitglieder. Das Leuchten des Objekts wird schließlich über Bewegungsmelder gesteuert, die bei Treppennutzung ein die Passanten begleitendes (oder entgegenlaufendes) kreisförmiges Licht auslösen.

Judith Siegmunds partizipatorische Textarbeit bezieht alle zur Verfügung stehenden Raumbereiche mit ein. Aus zehn bis fünfzehn Interviews mit Angestellten, Besuchern und Patienten, die mit den Funktionsbereichen der Klinik in Beziehung stehen, werden Begriffe, Gefühle, Gedanken oder Alltägliches von der Künstlerin herausdestilliert, die dann mittels Schablonen auf die Wandflächen aufgetragen werden. Überzeugend wirkte die zurückhaltende Gestaltung der Typografie, die so den Inhalt eines vielschichtig lesbaren Texts in den Vordergrund treten lies.

Die Farbfolienarbeiten von Nikolaus Koliusis sind im Treppenhaus und im Foyer des Hörsaals geplant. Zwischen zwei Glasplatten sind farbige Folien eingelegt, die durch Wellungen interessante Farbeffekte hervorrufen. Etwas unvermittelt und unbestimmt sollen darüber hinaus Gedichte an die Glastrennwände zu den Klinikbereichen aufgebracht werden. Der Stuttgarter Künstler stellte eloquent diese schon dekorative Arbeit vor, verwies aber als inhaltlichen Bezug zur Fluidität seiner Farbfolien auf die nahe Elbe.

Rainer Maria Matysik schlug ein kleines naturhistorisches Museum mit Vitrinen und Bildern in dem Foyer des Hörsaals vor. Von drei gezeigten Epochen sollen zwei in Kooperation mit Fachleuten erstellt werden. Die Epoche des 21. Jahrhunderts würde phantastische, an biologische Formen erinnernde Exponate des Berliner Künstlers enthalten. Vor dem Klinikeingang soll ein Hinweisschild auf das Museum aufmerksam machen. Auf Seiten der Klinik sorgte der Entwurf für sichtliches Unbehagen, bei der Vorstellung, wie die Exponate auf die Phantasie schwerkranker Patienten wirken würden.

Die letzte Arbeit an diesem Tag von Tilo Schulz, ebenfalls aus Berlin, spielt mit dem Paradox von Abwesenheit und Anwesenheit. Eine Fläche von 300 qm des Vorplatzes wird mit Split aus weißem Carrara Marmor ausgelegt und mit einem ebenfalls weißen Gartenzaun umgeben, der ein versperrtes Törchen enthält. Die Widersprüche aus kontemplativer Geste und säkularem Gartenzaum wurde von der Jury nicht als spannungsreich gesehen.

Alle Entwürfe wurden von der Jury kritisch diskutiert. Mit der Abstimmung der 3. Runde war die Siegerarbeit gefunden: Judith Siegmunds Konzept konnte mit ihrem identitätsstiftenden Ortsbezug durch Einbeziehung der Nutzer und der spannenden Verbindung von Text, Raum und Funktion überzeugen. Da der seltene Fall eintrat, dass das Budget nicht komplett ausgeschöpft war, empfahl die Jury eine einzelne Bildarbeit von Nikolaus Koliusis, dessen heitere Farbigkeit gefiel, an geeigneter Stelle zu realisieren.

Haus 27
Der nächste Tag begann mit einer Farbarbeit der Dresdener Künstler Ute und Arend Zwicker, die sich auf das Werk Casper David Friedrichs bezog. Der Linearität der Erschließungsmagistrale folgend sieht der Entwurf vier Stufen des Lebens als einen farblichen Ausdruck vor. Jede einzelne Altersstufe setzt sich aus mehreren farbigen Flächen zusammen, die als Farbklang für das jeweilige Alter stehen. Positioniert sind die Farbfelder auf den Sichtbetonwänden der Treppenkerne. Die Herleitung des Konzepts und die Beziehung zu Casper David Friedrich schienen der Jury zu abstrakt.

Stefan Schröder aus Oslo vermittelte perfekt die Idee einer »inneren Landschaft«. Die Symbolik der grafischen Elemente des Entwurfs führt der Künstler über eine Schlüsselarbeit im Eingangsfoyer ein, die wie ein Gebäudeplan gestaltet ist. Die Treppenhäuser der Magistrale sind im Inneren durch Piktogramme, Materialien und Farben differenziert. Nach Außen entwickeln sich die Negativformen der Piktogramme als Leuchtkästen in der jeweiligen Innenfarbe. Dem Entwurf wurde eine starke Prägnanz und Signifikanz bescheinigt, allerdings wirkten weitere, in diesem Rahmen nicht beschriebene Entwurfselemente unverständlich.

Fast ein Gegenentwurf ist die reduzierte Arbeit der Düsseldorferin Birgit Jensen, die abstrakte Raster aus vielen schwarz getupften Flächen auf den Sichtbetonwänden der Treppenhäuser zeigte. Erst über die Spiegelung in der Glasfassade entsteht daraus ein bekanntes Bild: der Rohrschachtest. Frau Jensen betonte die ihrer Absicht nach freilassenden Assoziationen, die diese Abbildungen beim Betrachter auslösen, und die natürliche Farbigkeit des Betons, die durch das kontrastierende Schwarz herausgestellt würde. Auf Seiten der Nutzer war eine Arbeit, die farblich derart reduziert ist, schwer vorstellbar. Auch wurde angemerkt, dass sich das Positive freier Assoziationen bei Patienten in das Gegenteil verkehren könnte.

Über eine einleitende Auseinandersetzung mit der Romantik in Bezug zu Carl Gustav Carus stellte Christian Wichmann aus München verschiedene Rauminszenierungen vor. Als Auftakt platziert er einen großen blauen Lüster aus gebogenen Leuchtstoffröhren ins Foyer, den er die »Blaue Blume« nannte. In der Erschließungsmagistrale hängen verteilt weitere kleine Versionen dieses Lüsters. An den Wänden der Treppenhäuser hängen sich gegenüberliegende große Spiegel. Mit Farbdrucken gestaltete Glasmöbel bilden Inseln in dem ausschweifenden Raum. Neben der zu sperrigen Herleitung des Entwurfs wurden bei den manuell gefertigten Leuchtstofflampen hohe Folgekosten befürchtet.

Albert Weis konnte als einziger der Künstler nicht persönlich seinen Entwurf vorstellen. Dieser wurde stellvertretend von der Vorprüfung erläutert. Farbige Leuchtstoffröhren sind in den Treppenhäusern installiert. Die Farbigkeit orientiert sich an dem Farbkonzept der Klinik. Da es sich um eine Lichtinstallation mit an- und abschwellenden Leuchtintensität handelte, wäre eine Simulation oder eine andere erhellende Darstellung für das Verständnis notwendig gewesen. So blieb der Jury zur Orientierung nur ein Text, der bei einer gewissen Anzahl von Lesern immer mehrdeutig ist.

Haptische Qualität bot die Arbeit, die Friederike Feldmann mit Verve vorstellte. Vier Wandteppiche, deren Motivgebungen sie schlüssig aus ihrer bisherigen Arbeit ableitete, bedecken die Sichtbetonwände der Magistrale – bis auf einen rahmenden Rand von wenigen Zentimetern. Die reduzierte Farbigkeit in Zusammenklang mit dem Naturton der Wolle sowie die Struktur des handgewebten Materials begeisterten als Konzept. Stimmig: für den Eintretenden waren die Motive sehr ruhig gehalten und für den Heraustretenden farbig bewegt gestaltet. Sorge bereiteten das mögliche Einnisten von Motten oder der Schutz mit möglicherweise giftigen Substanzen in einem Krankenhaus.

Ruhig und authentisch stellte Bernd Hahn seine Farbfelder als klassische Malerei auf Leinwand vor. Er präsentierte die möglichen Positionen und Konstellationen in den Treppenhäusern sowie in der Magistrale. Die Hängung in den Treppenhäusern wirkte zu kleinteilig und zahm, aber auch insgesamt war diese Umsetzung der Leinwandmalerei für einen Kunst-am-Bau-Wettbewerb nicht adäquat.

Mithilfe eines beeindruckend dimensionierten Modells veranschaulichte Eva-Maria Wilde ihre Arbeit »Memory«. Schon jetzt sei erwähnt, dass dies die spätere Siegerarbeit sein würde, die nach drei vergleichenden Runden einstimmig von der Jury zur Realisierung empfohlen wurde. Über alle zur Verfügung stehenden Raumbereiche in Sichtbeton legt Frau Wilde zunächst eine Rasterstruktur, auf der sie quadratische, etwa 1,5 Meter große Bildtafeln aus Aluminium in lockerer Hängung anordnet. Das Raster fasst die einzelnen Tafeln zu einem Ganzen zusammen und bietet in kongenialer Weise ein stimmiges Konzept für die Sanierung der ungenügenden Sichtbetonflächen. Jedes der collagierten Bildmotive hat, wie bei einem Memory-Spiel üblich, seine hier im Raum zu erschreitende Ergänzung. Die Motivfindung leitete die Künstlerin fundiert aus den Arbeitsbereichen der Klinik und medizinhistorischen Inhalten ab. Die Rückseite der Tafeln ist aus dem »DINZ«-Schriftzug entwickelt. Ergänzt wird diese frische Arbeit durch ein kleines Memory-Spiel als Edition für die Wartebereiche oder als Merchandising-Artikel.

In der Salutogenese wird behauptet, dass ein starkes Kohärenzgefühl gesund erhält. Beide Siegerentwürfe sind in dieser Hinsicht gelungen, denn sie haben hier einiges zu bieten.

 

© 2000—2010 bei VG Bild-Kunst Bonn für die Werke von Stefan Krüskemper und bei den jeweiligen Künstlern und Autoren

 
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